Chronische Entzündung und Hormone: Wie stiller Alarm unseren Körper steuert
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Unser Körper ist wie eine fein abgestimmte Stadt, in der jedes Organ, jede Zelle und jedes Signal wie ein Bürger oder ein Verkehrsfluss funktioniert. Chronische Entzündungen wirken wie ein leiser, aber dauerhafter Alarm – die Ampeln stehen ständig auf Gelb, manche Straßen werden enger, Energie fließt nicht mehr gleichmäßig. In diesem Beitrag erfährst du, wie akute und chronische Entzündungen entstehen, welche Botenstoffe wie IL-6, TNF-α, CRP und BSG diesen Alarm auslösen und welche Auswirkungen ein Dauerstress auf Stoffwechsel, Energiehaushalt und Hormone haben kann. Du lernst zu verstehen, warum der Körper trotz innerer Aktivierung erschöpft wirkt und wie Entzündungen die Hormonachsen subtil steuern.
Entzündung ist kein Fehler – sie ist ein Schutzmechanismus
Eine Entzündung ist zunächst nichts Negatives. Sie ist ein hochpräzise regulierter Schutzmechanismus unseres Körpers. Ohne Entzündungsreaktionen könnten wir keine Infektionen bekämpfen, keine Verletzungen reparieren und keine Anpassungsprozesse durchführen.
Wenn man sich in den Finger schneiden, reagiert der Körper sofort. Das Immunsystem erkennt die Verletzung, aktiviert Abwehrzellen, erweitert Blutgefäße und beginnt mit der Reparatur. Dieser Prozess ist geplant, sinnvoll und zeitlich begrenzt.
Problematisch wird es erst dann, wenn Entzündungen nicht mehr vollständig abklingen oder dauerhaft unterschwellig aktiv bleiben.
Um das zu verstehen, müssen wir zwischen zwei Formen unterscheiden Akute Etnündung und Chronische, niedriggradige Entzündung.
Akute Entzündung
Eine akute Entzündung ist eine kurzfristige, gezielte Reaktion des Körpers auf eine konkrete Bedrohung. Sie entsteht beispielsweise bei einer Verletzung, einer Infektion oder einem akuten Reiz. Typisch ist, dass sie schnell beginnt, klar erkennbare Symptome zeigt und nach erfolgreicher Abwehr oder Heilung wieder abklingt.
Ihr Ziel ist immer die Wiederherstellung von Stabilität und Gewebeintegrität.
Chronische, niedriggradige Entzündung
Eine chronische Entzündung hingegen ist kein klar abgegrenztes Ereignis. Sie entwickelt sich schleichend und bleibt oft lange unbemerkt. Dabei ist das Immunsystem dauerhaft leicht aktiviert, ohne dass eine akute Verletzung oder Infektion vorliegt.
Diese Form der Entzündung ist weniger intensiv, aber langfristig belastend. Sie kann über Jahre bestehen und steht in engem Zusammenhang mit Stoffwechselstörungen, Erschöpfung und chronischen Erkrankungen.
Sichtbare Entzündung und stille Entzündung – zwei Formen desselben Prinzips
Nicht jede Entzündung fühlt sich gleich an. Manche sind deutlich sichtbar und spürbar. Andere verlaufen im Verborgenen. Beide beruhen auf denselben biologischen Mechanismen, unterscheiden sich jedoch in Intensität, Dauer und Wahrnehmung.
Die klassische akute Entzündung – sichtbar und lokal
Die akute Entzündung zeigt sich meist klar und eindeutig. Bereits in der Antike wurden fünf typische Kennzeichen beschrieben:
Rötung (Rubor)
Wärme (Calor)
Schwellung (Tumor)
Schmerz (Dolor)
Funktionseinschränkung (Functio laesa)
Diese Symptome entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis präziser physiologischer Prozesse.
Wenn Gewebe verletzt wird oder Krankheitserreger eindringen, setzen geschädigte Zellen sogenannte „Gefahrensignale“ frei. Diese aktivieren Immunzellen wie Makrophagen und Mastzellen. Diese wiederum schütten Entzündungsmediatoren aus, darunter Histamin, Prostaglandine und Zytokine (Medzhitov, 2008).
Rötung und Wärme entstehen durch eine Erweiterung der Blutgefäße (Vasodilatation). Mehr Blut fließt in das betroffene Gebiet, wodurch Sauerstoff, Immunzellen und Reparaturstoffe transportiert werden.
Schwellung entsteht, weil die Gefäßwände durchlässiger werden. Flüssigkeit tritt ins Gewebe aus, damit Abwehrzellen leichter ihren Einsatzort erreichen können.
Schmerz wird durch Entzündungsbotenstoffe ausgelöst, die Schmerzrezeptoren sensibilisieren. Dieser Mechanismus schützt das Gewebe vor weiterer Belastung.
Funktionseinschränkung ist eine logische Folge aus Schmerz, Schwellung und Gewebereaktion. Sie zwingt zur Schonung und unterstützt die Heilung.
Diese akute Entzündung ist zeitlich begrenzt. Sobald die Bedrohung beseitigt ist, wird der Prozess aktiv herunterreguliert. Spezielle entzündungsauflösende Mediatoren wie Resolvine beenden die Reaktion (Serhan et al., 2007).
Akute Entzündung ist daher ein Zeichen funktionierender Regulation.
Die chronische, niedriggradige Entzündung –
unsichtbar, aber wirksam
Im Gegensatz dazu steht die chronische, systemische Entzündung. Sie zeigt keine sichtbare Rötung, keine lokale Schwellung und oft auch keinen akuten Schmerz. Dennoch ist das Immunsystem dauerhaft aktiviert.
Diese Form wird häufig als „silent inflammation“ bezeichnet.
Hierbei ist die Aktivierung nicht stark, aber kontinuierlich. Entzündungsbotenstoffe wie Interleukin-6 (IL-6), Tumornekrosefaktor-α (TNF-α), Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und C-reaktives Protein (CRP) zirkulieren dauerhaft in leicht erhöhter Konzentration im Blut (Hotamisligil, 2006; Libby, 2002).
Anders als bei der akuten Entzündung fehlt ein klarer Start- und Endpunkt. Der Körper befindet sich in einer Art permanentem Alarmzustand.
Diese chronische Aktivierung steht in enger Verbindung mit:
Insulinresistenz
Typ-2-Diabetes
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Neurodegenerativen Erkrankungen
Chronischer Erschöpfung
Besonders relevant ist dabei das viszerale Fettgewebe. Es ist nicht nur Energiespeicher, sondern ein aktives hormonelles Organ. Fettzellen produzieren selbst entzündungsfördernde Zytokine, wodurch ein selbstverstärkender Kreislauf entstehen kann (Hotamisligil, 2006).
Der entscheidende Unterschied
Der Unterschied zwischen akuter und chronischer Entzündung liegt nicht in der Art des Mechanismus, sondern in seiner Regulation.
Die akute Entzündung ist stark, gezielt und endet wieder.
Die chronische Entzündung ist mild, diffus und bleibt bestehen.
Man kann sich das wie ein Alarmsystem vorstellen:
Bei einer akuten Entzündung geht der Alarm los, die Gefahr wird beseitigt, der Alarm verstummt.
Bei einer chronischen Entzündung bleibt der Alarm dauerhaft auf leiser Lautstärke eingeschaltet. Man gewöhnt sich an das Geräusch – aber es verbraucht permanent Energie.
Warum das für Ernährung relevant ist
Chronische Entzündungen entstehen häufig nicht durch Infektionen, sondern durch metabolische Reize.
Dazu gehören:
Wiederholte Blutzuckerspitzen
Oxidativer Stress
Ungünstige Fettsäureverhältnisse
Veränderungen des Darmmikrobioms
Diese Faktoren sind direkt durch Ernährung beeinflussbar. Studien zeigen, dass stark verarbeitete Ernährungsweisen mit erhöhten Entzündungsmarkern korrelieren, während mediterrane Ernährungsformen diese Marker signifikant senken (Estruch et al., 2013; Calder et al., 2017).
Hier beginnt der zentrale Zusammenhang zwischen Entzündung, Ernährung und Energie.
Was bedeuten diese Entzündungsstoffe wirklich?
Interleukin-6 (IL-6)
Interleukin-6 ist ein Signalstoff des Immunsystems. Man kann ihn sich wie einen internen Alarmboten vorstellen. Er wird freigesetzt, wenn der Körper eine Bedrohung wahrnimmt – zum Beispiel bei einer Infektion, Gewebeschädigung oder metabolischem Stress.
Was bewirkt IL-6?
IL-6 aktiviert weitere Immunzellen und gibt der Leber das Signal, Entzündungsproteine wie CRP zu produzieren. Kurzfristig ist das sinnvoll. Bleibt IL-6 jedoch dauerhaft erhöht, kann es Stoffwechselprozesse stören, die Insulinwirkung verschlechtern und Entzündungen im Körper aufrechterhalten.
Referenzbereich
Unter 7 pg/ml → Normalbereich
7–20 pg/ml → moderat erhöht
Deutlich über 20 pg/ml → akute Entzündung wahrscheinlich
Wann steigt IL-6 an?
Infektionen, Chronischer Stress, Viszerales Bauchfett, Schlafmangel, Starke körperliche Belastung, Metabolischer Stress (z. B. Blutzuckerspitzen)
Tumornekrosefaktor-α (TNF-α)
Der Tumornekrosefaktor ist ein besonders starker entzündungsfördernder Botenstoff. Der Name klingt dramatisch, weil er ursprünglich bei der Tumorforschung entdeckt wurde. Tatsächlich ist er jedoch ein zentraler Regulator von Entzündungsreaktionen.
Was bewirkt TNF-α?
Er verstärkt Entzündungssignale, aktiviert weitere Immunzellen und erhöht die Durchlässigkeit von Gefäßen. Bei dauerhaft erhöhten Spiegeln – zum Beispiel durch viszerales Bauchfett – kann TNF-α die Insulinwirkung hemmen und chronische Entzündungsprozesse fördern.
Man könnte sagen: TNF-α ist ein Entzündungsverstärker.
Referenzbereich
Unter 8 pg/ml → Normalbereich
8–15 pg/ml → moderat erhöht
Deutlich erhöht → aktive entzündliche Prozesse
Wann steigt TNF-α an?
Chronische Entzündungen, Übergewicht (besonders Bauchfett), Autoimmunprozesse, Stoffwechselstörungen
C-reaktives Protein (CRP)
CRP ist kein eigentlicher Entzündungsbotenstoff, sondern ein Marker. Es wird in der Leber gebildet, wenn Signalstoffe wie IL-6 aktiv sind.
Was bewirkt CRP?
CRP selbst hilft dabei, Krankheitserreger und geschädigte Zellen zu markieren, damit sie vom Immunsystem beseitigt werden können. In der Diagnostik dient es vor allem als Messwert für Entzündungsaktivität im Körper.
Man kann es sich wie Rauch vorstellen:
CRP zeigt an, dass irgendwo ein Feuer brennt – auch wenn man die Flammen noch nicht sieht.
Referenzbereiche (Erwachsene)
Unter 1 mg/L → niedrige Entzündungsaktivität, günstiger Bereich
1–3 mg/L → leicht erhöht, Hinweis auf niedriggradige Entzündung
Über 3 mg/L → deutlich erhöht, erhöhtes Risiko für chronische Erkrankungen
Über 10 mg/L → meist akute Entzündung oder Infektion
Über 100 mg/L → schwere akute Entzündung, medizinisch abklärungsbedürftig
Wann steigt CRP an?
Akute Infektionen, Bakterielle Entzündungen, Verletzungen, Chronische Entzündungsprozesse, Starkes Übergewicht, Rauchen, Chronischer Stress
Ein dauerhaft leicht erhöhtes CRP (z. B. 2–5 mg/L) ist häufig Ausdruck einer „silent inflammation“.
Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG)
Die BSG misst, wie schnell rote Blutkörperchen in einem Reagenzglas absinken. Bei Entzündungen verändern sich bestimmte Eiweiße im Blut, wodurch die roten Blutkörperchen schneller zusammenklumpen und absinken.
Was bedeutet das im Körper?
Eine erhöhte BSG zeigt an, dass entzündliche Prozesse aktiv sind. Sie ist ein unspezifischer Marker, das heißt, sie sagt nicht, wo die Entzündung sitzt, sondern nur, dass eine erhöhte Entzündungsaktivität vorliegt.
Referenzbereich
Männer: bis 15 mm/h
Frauen: bis 20 mm/h
Ältere Menschen: leicht höhere Werte möglich
Erhöht bei:
Akuten Infektionen, Chronischen Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Tumorerkrankungen
Die BSG ist unspezifisch. Sie zeigt, dass etwas im Körper aktiv ist, aber nicht wo.
Wichtiger Grundsatz
Jeder Mensch hat messbare Entzündungsaktivität. Entzündung gehört zur normalen Immunfunktion. Entscheidend ist nicht, ob diese Marker vorhanden sind, sondern ob sie sich im regulierten Normalbereich befinden oder dauerhaft erhöht sind.
Eine kurzfristige Erhöhung ist physiologisch sinnvoll.
Eine chronische Erhöhung kann langfristig Stoffwechsel, Gefäße, Energiehaushalt und hormonelle Regulation beeinflussen.
Auswirkungen chronisch erhöhter Entzündungswerte auf ...
... Den Stoffwechsel und die Insulinwirkung
Chronisch erhöhte Entzündungsbotenstoffe wie TNF-α und IL-6 greifen direkt in die Regulation des Zuckerstoffwechsels ein. Besonders betroffen ist dabei die Wirkung des Hormons Insulin.
Insulin hat im Körper eine zentrale Aufgabe. Es sorgt dafür, dass Glukose aus dem Blut in die Zellen aufgenommen wird, wo sie zur Energiegewinnung genutzt oder gespeichert werden kann. Man kann sich Insulin wie einen Schlüssel vorstellen, der die Zelltür für Zucker öffnet.
Chronisch erhöhte Entzündungsbotenstoffe verändern jedoch genau dieses Türschloss.
Der Tumornekrosefaktor-α (TNF-α) kann intrazelluläre Signalwege beeinflussen, die für die Insulinwirkung notwendig sind. Insbesondere hemmt TNF-α die sogenannte Insulinrezeptor-Substrat-Signalkette (IRS-1), die für die Weiterleitung des Insulinsignals innerhalb der Zelle entscheidend ist (Hotamisligil et al., 1993; Hotamisligil, 2006). Wenn diese Signalkette gestört wird, reagiert die Zelle weniger empfindlich auf Insulin.
Die Folge ist eine sogenannte Insulinresistenz. Obwohl ausreichend Insulin vorhanden ist, bleibt die Glukose vermehrt im Blut, weil die Zellen nicht mehr angemessen reagieren.
Auch Interleukin-6 (IL-6) spielt eine Rolle. Chronisch erhöhte IL-6-Spiegel können die Glukoseproduktion in der Leber steigern und gleichzeitig die Glukoseaufnahme in Muskelzellen beeinträchtigen (Kim et al., 2004). Dadurch steigt der Blutzuckerspiegel zusätzlich an.
Der Körper versucht, diesen Zustand zu kompensieren, indem er mehr Insulin ausschüttet. Kurzfristig funktioniert das. Langfristig jedoch wird die Bauchspeicheldrüse zunehmend belastet. Es entsteht ein Zustand chronischer Überstimulation.
Parallel dazu produziert insbesondere viszerales Bauchfett selbst entzündungsfördernde Zytokine wie TNF-α und IL-6. Fettgewebe ist nicht nur Energiespeicher, sondern ein aktives endokrines Organ. Bei zunehmender Fettmasse steigt die entzündliche Aktivität weiter an (Hotamisligil, 2006).
So entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf:
Entzündung fördert Insulinresistenz.
Insulinresistenz begünstigt erhöhte Blutzuckerspiegel.
Erhöhte Blutzuckerspiegel fördern oxidativen Stress.
Oxidativer Stress aktiviert wiederum entzündliche Signalwege
Dieser Kreislauf wird heute als zentraler Mechanismus metabolischer Erkrankungen betrachtet (Shoelson et al., 2006).
Langfristig kann diese Kombination aus chronischer Entzündung und Insulinresistenz zur Entwicklung von Typ-2-Diabetes, nicht-alkoholischer Fettleber und kardiovaskulären Erkrankungen beitragen.
... Die Energieproduktion
Energie im menschlichen Körper entsteht nicht abstrakt, sondern in einem hochorganisierten biologischen Prozess. In nahezu jeder Zelle befinden sich Mitochondrien – kleine Zellorganellen, die häufig als „Kraftwerke“ der Zelle bezeichnet werden. Dort wird aus Nährstoffen ATP (Adenosintriphosphat) gebildet, die unmittelbare Energiequelle für nahezu alle körperlichen Funktionen.
Chronisch erhöhte Entzündungsbotenstoffe wie IL-6 und TNF-α beeinflussen genau diesen Prozess.
Entzündung und mitochondriale Funktion
Entzündungsprozesse gehen mit einer erhöhten Produktion sogenannter reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) einher. Diese freien Radikale sind in kontrollierter Menge physiologisch sinnvoll. Werden sie jedoch dauerhaft in erhöhter Konzentration gebildet, entsteht oxidativer Stress.
Oxidativer Stress kann mitochondriale Membranen und Enzymsysteme schädigen. Die Effizienz der ATP-Produktion sinkt. Studien zeigen, dass chronische Entzündung mit einer verminderten mitochondrialen Atmungskapazität einhergeht (Picard et al., 2014; Finkel & Holbrook, 2000).
Das bedeutet:
Die Zelle kann zwar weiterhin Energie produzieren, aber weniger effizient und unter höherem Aufwand.
Energieverschiebung in den „Abwehrmodus“
Das Immunsystem ist energetisch kostenintensiv. Aktivierte Immunzellen verändern ihren Stoffwechsel und nutzen bevorzugt schnelle Energiequellen wie Glukose. Dieser Prozess wird als „metabolische Reprogrammierung“ bezeichnet (O’Neill et al., 2016).
Wenn Entzündungsbotenstoffe dauerhaft erhöht sind, befindet sich der Körper in einem kontinuierlichen Aktivierungszustand. Energie wird dann bevorzugt für Abwehrprozesse bereitgestellt, nicht für Regeneration, Leistungsfähigkeit oder Aufbau.
Der Organismus verschiebt gewissermaßen seine Prioritäten von „Leistung und Entwicklung“ hin zu „Überleben und Verteidigung“.
Zusammenhang mit Erschöpfung
Chronisch erhöhte IL-6- und TNF-α-Spiegel stehen in Zusammenhang mit Fatigue-Symptomatik, also ausgeprägter körperlicher und mentaler Erschöpfung (Dantzer et al., 2008).
Entzündungsbotenstoffe wirken nicht nur peripher, sondern auch zentral im Gehirn. Sie beeinflussen die neuronale Energieverwertung und können das subjektive Gefühl von Müdigkeit verstärken.
Dabei entsteht ein paradoxes Bild:
Der Körper ist biologisch aktiviert, aber subjektiv erschöpft.
Diese Form der Erschöpfung unterscheidet sich von normaler Müdigkeit nach Belastung. Sie ist nicht allein durch Schlaf zu beheben, weil sie auf einer veränderten energetischen Regulation beruht.
Langfristige energetische Folgen
Bleibt dieser Zustand über Monate oder Jahre bestehen, kann dies zu:
verminderter Regenerationsfähigkeit
reduzierter Belastbarkeit
erhöhter Infektanfälligkeit
verlangsamter Wundheilung
Leistungsabfall im Alltag
führen.
Auf zellulärer Ebene bedeutet chronische Entzündung eine dauerhafte energetische Umverteilung. Die Mitochondrien arbeiten unter erhöhter Belastung, während gleichzeitig oxidativer Stress ihre Funktion einschränkt.
Man könnte es so formulieren:
Der Körper läuft dauerhaft im Hintergrundbetrieb mit aktivierter Alarmanlage – aber die Batterie entlädt sich langsam.
... Das Hormonsystem
Hormone sind keine isolierten Botenstoffe. Sie arbeiten in fein abgestimmten Regelkreisen. Chronische Entzündungsaktivität greift genau in diese Regelkreise ein – subtil, aber tiefgreifend.
Entzündungsbotenstoffe wie IL-6 und TNF-α beeinflussen mehrere hormonelle Achsen gleichzeitig.
Einfluss auf ...
...die Stressachse
(Hypothalamus–Hypophysen–Nebennieren-Achse)
Die sogenannte HPA-Achse reguliert die Cortisolproduktion. Cortisol ist ein lebenswichtiges Stresshormon, das entzündungshemmend wirkt und Energiereserven mobilisiert.
Akute Entzündung aktiviert die HPA-Achse. Das ist physiologisch sinnvoll, da Cortisol hilft, überschießende Entzündungsreaktionen zu begrenzen.
Problematisch wird es bei chronischer Entzündungsaktivität.
Dauerhaft erhöhte IL-6- und TNF-α-Spiegel können die Cortisolregulation verändern. Studien zeigen, dass chronische Entzündung mit einer Dysregulation der HPA-Achse einhergehen kann – entweder mit dauerhaft erhöhtem Cortisol oder mit einer abgeschwächten Cortisolantwort (Silverman & Sternberg, 2012).
Langfristig kann dies führen zu:
gestörter Stressverarbeitung
erhöhter Stressanfälligkeit
Erschöpfungszuständen
Schlafstörungen
Der Körper befindet sich hormonell in einer Art Daueranpassung an einen inneren Stressor.
... Die Schilddrüse
Entzündungsbotenstoffe beeinflussen auch den Schilddrüsenstoffwechsel.
IL-6 kann die Umwandlung des inaktiven Schilddrüsenhormons T4 in das aktive T3 hemmen (Boelen et al., 2011). Dadurch kann es trotz normaler Laborwerte zu funktionellen Einschränkungen kommen.
Das Resultat kann sein:
verminderte Stoffwechselaktivität
reduzierte Wärmeproduktion
Müdigkeit
verlangsamte Regeneration
Der Körper drosselt gewissermaßen seine Stoffwechselgeschwindigkeit, während gleichzeitig entzündliche Prozesse Energie verbrauchen.
...Geschlechtshormone
Chronische Entzündung beeinflusst auch die Produktion von Testosteron und Östrogen.
TNF-α kann die Testosteronproduktion hemmen (Malkin et al., 2004). Bei Frauen können chronische Entzündungsprozesse Zyklusunregelmäßigkeiten begünstigen.
Zusätzlich wirkt chronische Entzündung über die Stressachse indirekt auf die Geschlechtshormone, da erhöhte Cortisolspiegel die Reproduktionsachse unterdrücken können.
Mögliche Folgen:
verminderte Libido
reduzierte Muskelmasse
Zyklusveränderungen
Fertilitätsprobleme
Der Körper priorisiert in entzündlichen Zuständen Überleben vor Fortpflanzung.
...Insulin
(Ergänzung zur Auswirkung auf den Stoffwechsel)
Wie zuvor beschrieben, hemmen TNF-α und IL-6 die Insulinsignalübertragung. Damit wird Insulin nicht nur metabolisch, sondern auch hormonell dysreguliert.
Insulin ist nicht nur ein Blutzuckerhormon. Es beeinflusst:
Fettverteilung
Proteinsynthese
Zellwachstum
Eine chronische Entzündungsaktivität kann somit mehrere hormonelle Systeme gleichzeitig destabilisieren.
Zusammenfassung: Entzündung als hormoneller Taktgeber
Chronische Entzündung wirkt wie ein unsichtbarer Dirigent, der das hormonelle Orchester umstimmt.
Die Stressachse wird aktiviert oder erschöpft.
Die Schilddrüsenfunktion kann gedämpft werden.
Geschlechtshormone können reduziert werden.
Insulin verliert an Wirkung.
Das Ergebnis ist kein einzelnes Symptom, sondern ein veränderter Gesamtzustand:
verminderte Belastbarkeit, veränderte Energieverteilung und reduzierte Regeneration.
Ausblick
Im nächsten Beitrag starten wir direkt bei den Organen: Wie Herz, Gefäße, Leber, Bauchspeicheldrüse, Fettgewebe, Gelenke und Gehirn von chronischer Entzündung beeinflusst werden – und wie Ernährung gezielt den stillen Alarm dämpfen kann.




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