Koordination, Nervensystem und Bewegung
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Warum gute Bewegung im Gehirn beginnt – und nicht im Muskel

Bewegung entsteht nicht im Muskel – sondern im Nervensystem
Wenn wir an Bewegung denken, denken wir meist an Muskeln. An Kraft, an Training, an Anstrengung. Doch aus medizinischer und neurophysiologischer Sicht beginnt jede Bewegung an einem ganz anderen Ort: im Nervensystem. Ein Muskel kann noch so stark sein – ohne ein funktionierendes Nervensystem bleibt er still. Bewegung ist deshalb kein rein mechanischer Vorgang, sondern ein hochkomplexer biologischer Steuerungsprozess.
Man kann sich das Nervensystem wie die Zentrale eines Flughafens vorstellen. Muskeln sind die Flugzeuge, Gelenke die Start- und Landebahnen.
Doch ohne Tower, ohne Koordination, ohne Kommunikation entsteht Chaos. Genau das passiert im Körper, wenn Koordination fehlt: Bewegungen werden unsicher, ineffizient oder schmerzhaft, obwohl objektiv genug Kraft vorhanden wäre.
Koordination ist damit keine „Zusatzfähigkeit“, sondern die Grundlage jeder Bewegung – egal ob im Alltag, im Sport oder in der Rehabilitation.
Was Koordination wirklich bedeutet – und warum sie immer spezifisch ist
Koordination beschreibt die Fähigkeit des Nervensystems, Muskeln, Gelenke und Sinnesinformationen so aufeinander abzustimmen, dass eine Bewegung zielgerichtet, effizient und angepasst an die jeweilige Situation abläuft. Entscheidend ist dabei nicht, wie viel Kraft erzeugt wird, sondern wie, wann und wo sie eingesetzt wird.
Ein wichtiger Punkt, der oft missverstanden wird: Koordination ist bewegungsspezifisch. Ein Fußballspieler kann eine außergewöhnlich gute Koordination im Umgang mit dem Ball haben, schnelle Richtungswechsel kontrollieren und komplexe Bewegungen mit den Füßen ausführen. Gleichzeitig kann dieselbe Person große Schwierigkeiten bei tänzerischen Bewegungen haben, die ein hohes Maß an Rhythmus, Körperwahrnehmung und fließender Ganzkörperkontrolle erfordern. Umgekehrt kann ein Tänzer beeindruckende Kontrolle über Raum, Timing und Körperspannung besitzen, aber bei Ballspielen unsicher wirken.
Das bedeutet: Koordination ist kein allgemeiner „Skill“, den man einmal besitzt oder nicht besitzt. Sie ist immer an bestimmte Bewegungsmuster, Anforderungen und Kontexte gebunden. Genau deshalb muss Koordination auch gezielt und situationsnah trainiert werden.
In diesem Zusammenhang spricht man von intramuskulärer Koordination (wie gut ein einzelner Muskel angesteuert wird) und intermuskulärer Koordination (wie gut mehrere Muskeln miteinander zusammenarbeiten). Beide Formen sind entscheidend für saubere, ökonomische Bewegung.
Wenn man von intramuskulärer und intermuskulärer Koordination spricht, geht es darum, wie präzise Kräfte erzeugt und wie gut sie abgestimmt werden.
Die intramuskuläre Koordination beschreibt, wie effizient ein einzelnes System arbeitet. Übertragen auf den Muskel bedeutet das: Wie viele Muskelfasern werden gleichzeitig aktiviert, wie gut sind sie zeitlich abgestimmt und wie fein kann die Kraft dosiert werden.
Man kann sich das wie ein Flugzeugtriebwerk vorstellen. Innerhalb eines Triebwerks müssen unzählige kleine Komponenten exakt zusammenarbeiten, damit der Schub gleichmäßig entsteht. Wenn einzelne Elemente verzögert reagieren oder nicht optimal arbeiten, läuft das Triebwerk zwar noch, aber ineffizient und mit höherem Verschleiß. Genau das passiert auch in einem Muskel, wenn seine intramuskuläre Koordination eingeschränkt ist: Kraft ist vorhanden, aber sie wird nicht optimal genutzt.
Die intermuskuläre Koordination beschreibt dagegen das Zusammenspiel mehrerer Systeme. Bleiben wir beim Flugzeug: Ein sicherer Flug hängt nicht nur vom Triebwerk ab, sondern auch von Tragflächen, Steuerflächen, Sensorik und Navigation. Erst wenn alle Systeme miteinander kommunizieren, kann das Flugzeug stabil starten, manövrieren und landen.
Übertragen auf den Körper bedeutet das: Bei einer Bewegung wie dem Aufstehen aus dem Sitzen müssen Oberschenkel, Gesäß, Rumpf, Fußmuskulatur und Gleichgewichtssystem exakt zusammenarbeiten. Ist dieses Zusammenspiel gestört, wird die Bewegung unsicher, anstrengender oder schmerzhaft – selbst wenn einzelne Muskeln eigentlich stark genug wären.
Deshalb kann eine Person in einer Sportart hochkoordiniert sein und in einer anderen große Schwierigkeiten haben. Ein Fußballspieler verfügt über eine exzellente Koordination für Ballkontrolle und Richtungswechsel, während ein Tänzer hochkomplexe Bewegungsabfolgen mit maximaler Körperkontrolle ausführt. Koordination ist immer aufgabenspezifisch und entwickelt sich nur dort, wo sie auch gefordert wird.
Das Nervensystem als Bewegungszentrale
Das Nervensystem lässt sich funktionell in zwei Hauptbereiche einteilen: das zentrale Nervensystem mit Gehirn und Rückenmark sowie das periphere Nervensystem, das Signale zu Muskeln, Gelenken und Organen weiterleitet. Jede bewusste Bewegung beginnt im Gehirn, wird über Nervenbahnen weitergeleitet und durch Rückmeldungen aus dem Körper ständig angepasst.
Bewegung ist deshalb kein Einbahnstraßenprozess. Während ein Muskel kontrahiert, senden Sensoren aus Muskeln, Sehnen, Gelenken und Faszien permanent Informationen zurück an das Nervensystem. Diese Rückmeldungen bestimmen, ob eine Bewegung fortgesetzt, verändert oder abgebrochen wird. Koordination entsteht genau in diesem Zusammenspiel aus Planung, Ausführung und Rückmeldung.
Wahrnehmung steuert Bewegung – ohne Sensorik keine Koordination
Ein zentraler Bestandteil der Koordination ist die sogenannte Propriozeption, also die Tiefensensibilität. Sie beschreibt die Fähigkeit des Körpers, die eigene Position, Spannung und Bewegung im Raum wahrzunehmen – auch ohne hinzusehen. Diese Wahrnehmung entsteht durch spezialisierte Rezeptoren in Muskeln, Sehnen, Gelenken und Faszien.
Wenn diese Rückmeldungen gestört sind, etwa nach Verletzungen, Operationen oder längerer Inaktivität, verliert das Nervensystem wichtige Informationen. Die Folge sind unsichere Bewegungen, ein erhöhtes Verletzungsrisiko oder das Gefühl, dem eigenen Körper nicht mehr richtig zu „vertrauen“. Koordination ist deshalb immer auch Wahrnehmungsschulung.
Koordination ist lernfähig – und formt das Gehirn
Ein entscheidender Aspekt: Koordination ist trainierbar. Und zwar nicht primär durch Muskelwachstum, sondern durch neuronale Anpassungen. Koordinatives Training führt dazu, dass im Gehirn neue neuronale Verknüpfungen entstehen. Bewegungsabläufe werden effizienter, schneller abrufbar und stabiler.
Studien aus der Neuroplastizitätsforschung zeigen, dass gezieltes Bewegungstraining strukturelle Veränderungen im motorischen Kortex bewirken kann (z. B. Taubert et al., Journal of Neuroscience, 2010). Das bedeutet: Das Gehirn passt sich an die Anforderungen an, die wir ihm stellen. Je vielfältiger, bewusster und koordinativ anspruchsvoller Bewegungen sind, desto differenzierter wird ihre Steuerung.
Koordination kann jedoch auch verloren gehen. Schmerz, Schonung, Stress oder monotone Bewegungsmuster reduzieren die Qualität der neuronalen Ansteuerung. Das erklärt, warum Menschen nach Verletzungen oft nicht mehr „so wie früher“ bewegen, selbst wenn die Struktur längst verheilt ist.
Koordination, Schmerz und Schutzmechanismen
Schmerz verändert Bewegung – nicht nur bewusst, sondern unbewusst. Das Nervensystem reagiert auf Schmerz mit Schutzstrategien: Bewegungen werden eingeschränkt, Muskeln verspannen sich, bestimmte Bewegungsmuster werden vermieden. Kurzfristig ist das sinnvoll. Langfristig kann es jedoch zu Fehlbelastungen und chronischen Beschwerden führen.
Wichtig ist hier die Unterscheidung: Schmerz ist immer real, aber er bedeutet nicht automatisch strukturellen Schaden. Gerade bei chronischen Beschwerden ist die Koordination oft stärker beeinträchtigt als die eigentliche Gewebestruktur. Koordinationstraining kann hier helfen, Sicherheit zurückzugeben und Bewegungsangst abzubauen.
Koordination im Training – was koordinatives Training wirklich ist
Koordinatives Training bezeichnet Bewegungsformen, die das Nervensystem gezielt fordern. Dazu gehören Übungen mit wechselnden Anforderungen, instabilen Ausgangspositionen, Rotationen, Rhythmuswechseln oder bewusster Steuerung von Spannung und Entspannung.
Im Gegensatz zu reinem Krafttraining geht es hier weniger um maximale Last, sondern um Kontrolle, Präzision und Anpassungsfähigkeit. Langsame, bewusst ausgeführte Bewegungen können koordinativ deutlich anspruchsvoller sein als schwere Gewichte. Genau deshalb fühlen sich solche Übungen oft „anstrengend“ an, obwohl sie äußerlich leicht wirken.
Koordination im Alltag – Schutz für Gelenke und Gewebe
Gute Koordination verteilt Belastung gleichmäßiger über Muskeln, Faszien und Gelenke. Sie verhindert, dass einzelne Strukturen dauerhaft überlastet werden. Gerade im Kontext von Gelenkerkrankungen wie Arthrose spielt Koordination eine zentrale Rolle, da sie Druckspitzen reduziert und Bewegungen ökonomischer gestaltet.
Koordination ist damit ein entscheidender Faktor für langfristige Gelenkgesundheit – oft sogar wichtiger als reine Muskelkraft.
Koordination, Alter und Prävention
Mit zunehmendem Alter nimmt nicht primär die Muskelkraft ab, sondern die neuronale Steuerungsfähigkeit. Koordinationstraining ist deshalb ein zentraler Bestandteil der Sturzprävention und trägt wesentlich zur Selbstständigkeit im Alltag bei. Studien zeigen, dass auch im höheren Alter deutliche Verbesserungen der Bewegungssteuerung möglich sind, wenn das Nervensystem gezielt gefordert wird (Hortobágyi et al., Ageing Research Reviews, 2015).
Besonders eindrucksvoll zeigt sich die präventive Wirkung von Koordination bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder anderen Formen der Demenz. Studien zeigen, dass komplexe Bewegungsformen, die gleichzeitig körperliche, kognitive und sensorische Anforderungen stellen, das Risiko für Demenzerkrankungen signifikant senken können (z. B. Verghese et al., New England Journal of Medicine, 2003).
Tanz ist hierfür ein besonders gutes Beispiel. Tanzen erfordert nicht nur Bewegung, sondern ständige Anpassung: Rhythmusgefühl, Raumorientierung, Reaktionsfähigkeit, Gedächtnisleistung und emotionale Verarbeitung greifen gleichzeitig ineinander. Das Gehirn wird dabei gezwungen, immer neue Verknüpfungen zu bilden. Diese sogenannte kognitive Reserve wirkt wie ein Schutzschild gegen altersbedingte Abbauprozesse.
Ähnliches gilt für Sportarten mit schnellen Richtungswechseln, variablen Reizen und unvorhersehbaren Situationen – etwa Ballsportarten oder koordinativ anspruchsvolle Bewegungsformen. Je vielfältiger und herausfordernder die Bewegung, desto stärker wird das Nervensystem stimuliert. Nicht die Intensität, sondern die Komplexität der Bewegung ist hier der entscheidende Faktor.
Aufmerksamkeit, Stress und Bewegungskontrolle
Koordination ist auch ein mentaler Prozess. Aufmerksamkeit, emotionale Anspannung und Stress beeinflussen direkt die Bewegungsqualität. Unter Stress werden Bewegungen oft grober, unpräziser und weniger angepasst. Umgekehrt kann bewusste Bewegung regulierend auf das Nervensystem wirken.
Bewegung ist damit nicht nur Ausdruck, sondern auch Werkzeug der Regulation.
Auch äußere Bedingungen beeinflussen Koordination und Bewegungskontrolle stärker, als vielen bewusst ist. Kälte beispielsweise verlangsamt die Nervenleitgeschwindigkeit und reduziert die Elastizität von Muskeln und Bindegewebe. Bewegungen fühlen sich steifer an, Reaktionen werden langsamer, die Koordination nimmt ab.
Menschen mit gut trainierter Koordination können diese Einschränkungen besser ausgleichen. Ihr Nervensystem ist effizienter darin, verfügbare Signale zu nutzen und Bewegungen präzise zu steuern. Das erklärt, warum trainierte Personen auch unter ungünstigen Bedingungen – etwa bei Kälte, Müdigkeit oder ungewohnter Umgebung – bewegungssicherer bleiben.
Neben der Temperatur beeinflussen auch Schlafmangel, Stress, Dehydrierung, hormonelle Schwankungen und Nährstoffmangel die Nervenleitfähigkeit. Koordination ist daher kein statischer Zustand, sondern ein sensibles Zusammenspiel aus inneren und äußeren Faktoren.
Koordinationstraining bei Neuropathien, MS und nervalen Erkrankungen
Kontrolle statt Heilung – wie Bewegung trotz Nervenschädigung wirksam sein kann
Erkrankungen des Nervensystems wie periphere Neuropathien, Multiple Sklerose, diabetisch bedingte Nervenschäden oder traumatische Nervenirritationen verändern die grundlegende Art, wie der Körper Bewegung steuert. Signale kommen verzögert an, werden verfälscht oder gehen teilweise verloren. Betroffene erleben Unsicherheit beim Gehen, verminderte Kraftkontrolle, veränderte Wahrnehmung und häufig auch Schmerzen.
Entscheidend ist dabei ein realistisches Verständnis: Koordinationstraining kann geschädigte Nerven nicht regenerieren. Es kann keine zerstörten Nervenfasern „reparieren“. Was es jedoch sehr wirkungsvoll leisten kann, ist die Neuorganisation von Kontrolle.
Was sich durch Nervenerkrankungen verändert
Bei Neuropathien oder Erkrankungen wie MS ist nicht nur ein einzelner Nerv betroffen, sondern das gesamte Steuerungssystem. Die Tiefensensibilität, also die Wahrnehmung von Gelenkstellung und Muskelspannung, ist häufig reduziert. Der Körper weiß weniger genau, wo er sich im Raum befindet. Gleichzeitig kann die Muskelansteuerung unsauber werden. Muskeln reagieren zu spät, zu stark oder unkoordiniert.
Ein weiteres zentrales Thema ist die veränderte Schmerzverarbeitung. Das Nervensystem wird empfindlicher, interpretiert Reize schneller als bedrohlich und sendet häufiger Warnsignale. Schmerz entsteht dabei nicht nur im Gewebe, sondern vor allem im Gehirn als Schutzreaktion.
Kompensation statt Perfektion – wie der Körper Alternativen nutzt
Der menschliche Körper ist kein starres System, sondern hochgradig anpassungsfähig. Wenn ein Informationskanal schlechter funktioniert, werden andere stärker genutzt. Genau hier liegt das Potenzial von gezieltem Training.
Ist beispielsweise die Tiefenwahrnehmung im Fuß eingeschränkt, kann das visuelle System stärker eingebunden werden. Betroffene lernen, ihre Schritte bewusster zu setzen und den Boden intensiver wahrzunehmen. Auch das Gleichgewichtssystem im Innenohr übernimmt eine größere Rolle. Gleichzeitig können bestimmte Muskelgruppen mehr stabilisierende Aufgaben übernehmen, um fehlende Rückmeldungen auszugleichen.
Koordinationstraining unterstützt diese Prozesse gezielt. Es hilft dem Gehirn, vorhandene
Informationen effizienter zu verknüpfen und Bewegungen vorausschauender zu planen. Studien zeigen, dass selbst bei bestehenden Nervenschädigungen die Gangstabilität verbessert und das Sturzrisiko gesenkt werden kann (Richardson et al., Physical Therapy, 2004; Morrison et al., Diabetes Care, 2010).
Muskelsteuerung bei Nervenschädigung – warum Training trotzdem wirkt
Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, dass Training sinnlos sei, wenn Nerven geschädigt sind. Tatsächlich kann Muskelkraft auch bei reduzierter Nervenleitung sinnvoll aufgebaut und genutzt werden. Das Nervensystem lernt, verbleibende Signalwege besser auszuschöpfen.
Ein Beispiel: Wenn die Aktivierung eines Muskels verzögert ist, kann das Gehirn lernen, ihn früher anzusteuern oder unterstützende Muskeln stärker einzubinden. Bewegungen werden dadurch zwar anders, aber sicherer. Es geht nicht darum, zur „alten Bewegung“ zurückzukehren, sondern eine neue funktionelle Lösung zu finden.
Gerade hier zeigt sich der Wert koordinativer Übungen, bei denen Aufmerksamkeit, Bewegung und Wahrnehmung kombiniert werden. Das Gehirn wird gezwungen, aktiv mitzudenken, anstatt Bewegungen automatisch ablaufen zu lassen.
Schmerzverarbeitung – warum bessere Kontrolle Schmerzen lindern kann
Schmerzen bei Neuropathien entstehen häufig nicht durch akute Gewebeschäden, sondern durch eine Übererregbarkeit des Nervensystems. Bewegung wird als unsicher oder bedrohlich interpretiert. Koordinationstraining kann diese Wahrnehmung verändern.
Durch wiederholte, kontrollierte Bewegungen lernt das Gehirn, dass Bewegung möglich und sicher ist. Die Bedrohungseinschätzung sinkt, Schutzspannungen nehmen ab. Schmerz wird dadurch nicht „wegtrainiert“, aber er verliert an Dominanz. Viele Betroffene berichten, dass sie sich sicherer fühlen, weniger Angst vor Bewegung haben und Schmerzen besser kontrollieren können.
Was Training nicht leisten kann – eine ehrliche Einordnung
So wirksam Bewegung auch ist, sie hat klare Grenzen. Geschädigte Nerven wachsen durch Training nicht automatisch nach. Sensibilitätsverluste können bestehen bleiben. Auch Erkrankungen wie MS oder diabetische Neuropathien lassen sich nicht durch Bewegung heilen.
Gerade deshalb ist die richtige Zielsetzung entscheidend. Das Ziel lautet nicht Heilung, sondern Handlungsfähigkeit. Kontrolle über den eigenen Körper, Sicherheit in der Bewegung und Selbstvertrauen im Alltag sind realistische und äußerst wertvolle Ziele.
Warum Regelmäßigkeit entscheidend ist
Die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems basiert auf Wiederholung. Neue Verknüpfungen entstehen nur, wenn Bewegungen regelmäßig geübt werden. Unregelmäßiges Training erzeugt kaum nachhaltige Effekte. Kontinuität ist dabei wichtiger als Intensität.
Schon einfache, wiederkehrende Bewegungsaufgaben können langfristig große Veränderungen bewirken. Entscheidend ist, dass das Gehirn immer wieder die Gelegenheit bekommt, Bewegungen bewusst zu organisieren und zu kontrollieren.
Das große Ziel: Kontrolle statt Heilung
Für Menschen mit Neuropathien oder Erkrankungen des Nervensystems bedeutet Fortschritt nicht Schmerzfreiheit oder perfekte Bewegung. Fortschritt bedeutet, den eigenen Körper besser zu verstehen, sicherer zu bewegen und den Alltag aktiv gestalten zu können.
Koordinationstraining ist kein Ersatz für medizinische Therapie, aber ein kraftvolles Werkzeug, um das Nervensystem zu unterstützen. Es stärkt nicht nur Muskeln, sondern vor allem das Vertrauen in die eigene Bewegung. Und genau dieses Vertrauen ist oft der wichtigste Schritt zurück zu mehr Lebensqualität.
Fazit: Bewegung, Koordination und Nervensystem
Gute Bewegung entsteht nicht im Muskel, sondern im Nervensystem.Das Gehirn plant, steuert und passt jede Bewegung an, bevor ein Muskel aktiv wird. Koordination entscheidet darüber, ob Bewegung sicher, effizient und schmerzarm abläuft.
Auch bei Neuropathien und anderen Erkrankungen des Nervensystems gilt: Training heilt keine geschädigten Nerven, aber es verbessert die Kontrolle über den eigenen Körper. Durch gezielte Bewegung und Koordination lernt das System, vorhandene Informationen besser zu nutzen, Defizite zu kompensieren und Bewegungen stabiler auszuführen.
Bewegungsqualität bedeutet deshalb nicht Perfektion, sondern Anpassungsfähigkeit. Wer sein Nervensystem trainiert, gewinnt Sicherheit, Selbstwirksamkeit und langfristig mehr Lebensqualität – unabhängig davon, ob Einschränkungen bestehen oder nicht.
Ausblick – nächstes Thema der Dachreihe
Im nächsten Beitrag widmen wir uns einem oft unterschätzten Bereich:Wahrnehmung, Sinne & Bewegung – warum Sehen, Gleichgewicht und Körpergefühl jede Bewegung beeinflussen.
Denn ohne Sinnesinformationen kann auch das beste Nervensystem keine gute Bewegung steuern.




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