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Organe, Psyche und Ernährung: Wie Entzündung den Körper und Geist beeinflusst

  • vor 17 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit
Entzündungshemmung in der Stadt Namens Körper

Im zweiten Teil reisen wir tiefer in die „Stadt des Körpers“: Wir betrachten Organe, Gefäße und das Gehirn wie Stadtviertel, die unter chronischer Entzündung leiden. Gefäße werden rauer, die Leber überlastet, die Bauchspeicheldrüse muss ständig Überstunden machen, und selbst das Gehirn fühlt sich wie ein überlastetes Verkehrsnetz an. Gleichzeitig zeigen wir, wie Ernährung wie eine Sanierungscrew wirkt: bestimmte Lebensmittel dämpfen den Alarm, stabilisieren Signale und lassen Energie wieder frei fließen. Mit praxisnahen Beispielen lernst du, wie kleine, bewusste Entscheidungen im Alltag große Wirkung entfalten.


Wie chronische Entzündung Organe schleichend verändert


Chronische Entzündung ist kein lauter Prozess. Sie arbeitet leise, kontinuierlich und oft über Jahre hinweg. Dabei verändert sie nicht abrupt ein Organ, sondern beeinflusst langsam seine Struktur und Funktion.


Herz und Gefäße – wenn die Leitungen rau werden

Unsere Blutgefäße kann man sich wie ein fein verzweigtes Schlauchsystem vorstellen. Sie transportieren Sauerstoff, Nährstoffe und Energie in jede einzelne Zelle.


Die Innenwand dieser Gefäße – das sogenannte Endothel – ist im gesunden Zustand glatt, elastisch und durchlässig für genau die Stoffe, die der Körper benötigt. Das Blut kann frei und gleichmäßig fließen.


Chronische Entzündungsbotenstoffe wie IL-6 und TNF-α wirken jedoch wie ein dauerhafter Reiz auf diese Gefäßinnenwand. Die Oberfläche wird empfindlicher und durchlässiger.

Nun kommt Cholesterin ins Spiel.


Cholesterin ist grundsätzlich kein „Feind“. Es ist ein lebenswichtiger Baustoff für Zellmembranen, Hormone und Vitamin D. Es wird über sogenannte Lipoproteine transportiert – unter anderem LDL (Low-Density-Lipoprotein).


Wird die Gefäßwand jedoch durch Entzündungsprozesse gereizt, können LDL-Partikel leichter in die Gefäßwand eindringen. Dort werden sie oxidiert – also chemisch verändert. Das Immunsystem erkennt diese veränderten LDL-Partikel als „problematisch“ und schickt Abwehrzellen.


Diese Abwehrzellen nehmen das oxidierte LDL auf und verwandeln sich in sogenannte Schaumzellen. Mit der Zeit sammeln sich diese Zellen in der Gefäßwand an.


Man kann sich das wie bei einem Wasserschlauch vorstellen:

Ist die Innenwand glatt, fließt das Wasser ungehindert. Wird die Innenwand jedoch rau und lagern sich Schmutzpartikel an, bildet sich mit der Zeit eine Art Belag. Der Durchmesser wird kleiner, der Durchfluss schlechter.


Genau das passiert bei der sogenannten Plaquebildung (Arteriosklerose). Plaque ist eine Mischung aus Fetten, Immunzellen, Bindegewebe und Kalzium, die sich in der Gefäßwand ablagert.


Solange diese Ablagerung stabil bleibt, verengt sie „nur“ das Gefäß. Das Herz muss stärker pumpen, um das Blut durch die verengten Gefäße zu transportieren.


Wird jedoch ein Teil dieser Plaque instabil und reißt auf, kann sich ein Blutgerinnsel bilden. Dieses Gerinnsel kann das Gefäß vollständig verschließen.

Wenn das im Herz passiert, spricht man von einem Herzinfarkt.

Passiert es im Gehirn, kann es zu einem Schlaganfall kommen.


Chronische Entzündung wirkt hier wie ein dauerhafter Reiz, der die Gefäßwände anfälliger für diese Veränderungen macht (Libby, 2002).


Leber – wenn das Stoffwechselzentrum überlastet wird

Die Leber ist das zentrale Stoffwechselorgan. Sie verarbeitet Fette, Zucker, Hormone und produziert unter anderem CRP als Entzündungsmarker.


Bei chronischer Entzündung und Insulinresistenz gelangen vermehrt Fettsäuren in die Leber. Gleichzeitig wird die Fettverbrennung gestört.


Man kann sich die Leber wie eine große Verarbeitungsanlage vorstellen. Wenn dauerhaft mehr Material ankommt, als verarbeitet werden kann, beginnen sich Lagerbestände anzusammeln.


Diese Fette lagern sich in den Leberzellen ein. Es entsteht eine Fettleber.

Bleibt zusätzlich die Entzündungsaktivität erhöht, kann sich die Fettleber entzünden. Langfristig können Narbengewebe (Fibrose) entstehen, wodurch die Funktion der Leber eingeschränkt wird.


Bauchspeicheldrüse – Dauerbelastung durch Insulinresistenz

Die Bauchspeicheldrüse produziert Insulin. Wenn durch chronische Entzündung eine Insulinresistenz entsteht, reagiert der Körper mit einer höheren Insulinproduktion.


Man kann sich das wie eine Fabrik vorstellen, die immer schneller produzieren muss, weil die Nachfrage scheinbar steigt. Kurzfristig funktioniert das. Langfristig kann die Produktionsanlage überlastet werden.


Die insulinproduzierenden Beta-Zellen werden dauerhaft beansprucht. Mit der Zeit kann ihre Funktion nachlassen.


So kann sich aus einer Insulinresistenz schrittweise ein Typ-2-Diabetes entwickeln.


Fettgewebe – vom Speicher zum Entzündungsorgan

Fettgewebe ist nicht nur ein Energiespeicher. Besonders das viszerale Bauchfett produziert selbst Entzündungsbotenstoffe wie TNF-α und IL-6.


Man kann es sich wie ein aktives Gewebe vorstellen, das ständig Signale sendet. Mit zunehmender Fettmasse steigt auch die entzündliche Aktivität.


Dadurch entsteht ein Kreislauf:

Mehr Fett → mehr Entzündung → stärkere Insulinresistenz → weitere Fetteinlagerung.


Gelenke und Bindegewebe – schleichende Abnutzung

Entzündungsbotenstoffe aktivieren Enzyme, die Bindegewebe und Knorpel abbauen können. Chronisch erhöhte Entzündungswerte können daher degenerative Prozesse in Gelenken begünstigen.


Es ist kein plötzlicher Schaden, sondern ein schleichender Abbau – wie ein Material, das unter dauerhafter Belastung langsam seine Elastizität verliert.


Gesamtbild

Chronische Entzündung wirkt nicht explosionsartig, sondern wie ein dauerhafter, feiner Reiz. Sie verändert Oberflächen, Signalwege und Belastungsgrenzen.

Sie macht Gefäße anfälliger, überlastet Stoffwechselorgane, beeinflusst hormonelle Regelkreise und kann langfristig strukturelle Veränderungen begünstigen.


Chronische Entzündung: Gehirn, Psyche und Fatigue

Chronisch erhöhte Entzündungsbotenstoffe wie TNF-α und IL-6 wirken nicht nur auf den Körper, sondern direkt auf das Gehirn. Man kann sich das Gehirn wie eine hochkomplexe Stadt vorstellen, in der Signale zwischen Nervenzellen wie Verkehrsströme über Straßen geleitet werden. Entzündungsprozesse erzeugen dabei Baustellen, Ampeln und Umleitungen, die die Signalweiterleitung stören.


Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin sind die chemischen Botschafter für Stimmung, Motivation und Belohnung. Chronische Entzündung verschiebt den Metabolismus von Tryptophan über das Enzym IDO in Kynurenin, wodurch weniger Serotonin verfügbar ist. Die Folge sind depressive Verstimmungen, Antriebslosigkeit und reduzierte Stressresilienz. Gleichzeitig wird Dopamin beeinflusst, was Motivation und Belohnungsempfinden schwächt – die psychische Energie wird blockiert.


Auf energetischer Ebene zwingt chronische Entzündung das Gehirn, Ressourcen umzuleiten. Glukose wird bevorzugt für Immunprozesse genutzt, die Mitochondrien in Nervenzellen arbeiten unter oxidativem Stress weniger effizient, und neuronale Netzwerke ermüden. Das Gehirn läuft auf sparsamem Energieverbrauch, während es gleichzeitig Alarmbereitschaft signalisiert – ein Zustand, der direkt zur Fatigue beiträgt. Betroffene fühlen sich körperlich und geistig erschöpft, obwohl der Körper innerlich aktiviert ist.


Die Mikroglia, die Wächterzellen des Gehirns, werden durch anhaltende Entzündung dauerhaft aktiviert. Sie senden kontinuierlich Signale aus, die synaptische Verbindungen verändern und neuronale Netzwerke destabilisieren. Die Folge ist ein „Daueralarm“ im Gehirn: Konzentration, Gedächtnisleistung und Lernfähigkeit nehmen ab, Emotionen geraten leichter aus dem Gleichgewicht, und selbst kleine Stressoren wirken überfordernd.

Darüber hinaus beeinflussen IL-6 und TNF-α die HPA-Achse. Cortisolspiegel können dauerhaft erhöht oder dysreguliert sein, was Schlafstörungen, Reizbarkeit und eine verschlechterte Stressverarbeitung zur Folge hat. Das Gehirn interpretiert die Situation wie eine dauerhafte Bedrohung, während der Körper sich gleichzeitig erschöpft fühlt – genau das, was das Fatigue-Syndrom kennzeichnet: eine paradoxe Mischung aus innerer Alarmbereitschaft und tiefgreifender Müdigkeit.


Langfristig können diese Prozesse synaptische Plastizität und Neurogenese im Hippocampus reduzieren, was Lernen, Gedächtnis und emotionale Regulation beeinträchtigt. Chronische Entzündung wirkt damit wie ein unsichtbarer Dirigent, der das neuronale Orchester verstimmt: Signalwege, Energieversorgung und Stressreaktionen geraten aus dem Gleichgewicht, und die Psyche wird schleichend belastet.


Kurz gesagt: Chronische Entzündung im Gehirn erzeugt einen Zustand innerer Daueranspannung bei gleichzeitig eingeschränkter Energie – ein zentrales Muster für Fatigue, kognitive Einschränkungen und emotionale Erschöpfung.


Ernährung und Entzündungen –

Wie Nahrungsmittel die Immunreaktion steuern


Ernährung ist weit mehr als bloße Kalorienzufuhr – sie ist ein direkter Dialog zwischen dem, was wir essen, und dem inneren Regulationssystem unseres Körpers. Jeder Bissen, jede Nährstoffkombination wird von unserem Verdauungstrakt aufgenommen, in Moleküle zerlegt und gelangt über das Blut zu Organen, Geweben und Zellen. Dort beeinflussen die Nährstoffe nicht nur den Energiestoffwechsel, sondern auch die Aktivität von Immunzellen, Hormonen und Signalwegen.


Man kann sich den Körper wie eine komplexe Stadt vorstellen: Blutgefäße sind die Straßen, Hormone die Verkehrsleitsysteme, Zellen die Stadtbewohner. Ernährung liefert nicht nur die Energie für diese „Stadtbewohner“, sondern beeinflusst auch, welche „Ampeln“ auf Rot oder Grün stehen. Bestimmte Nährstoffe aktivieren Signalwege, die die Produktion von Entzündungsbotenstoffen wie IL-6, TNF-α oder CRP steigern, während andere Nährstoffe diese Signale abschwächen oder neutralisieren.


Ein weiterer zentraler Mechanismus ist das Mikrobiom im Darm. Millionen von Mikroorganismen reagieren unmittelbar auf das, was wir essen. Sie produzieren Stoffwechselprodukte, die direkt auf Immunzellen wirken und so die Entzündungsaktivität im Körper modulieren. Eine Ernährung, die reich an Ballaststoffen, Polyphenolen und ungesättigten Fettsäuren ist, kann die Darmflora zu einem „freundlichen“ Zustand lenken, der entzündungshemmend wirkt. Umgekehrt fördern stark verarbeitete Lebensmittel mit Zucker, Transfetten oder ungesunden Fetten Entzündungssignale.


Zusammengefasst: Ernährung ist ein unmittelbarer Regulator des Entzündungsgeschehens. Sie liefert nicht nur Brennstoff, sondern gibt auch die Richtung vor, in der der Körper seine Signale schickt – von akuter Immunreaktion bis hin zur subtilen, chronischen Entzündung. Jeder Teller wird so zu einem kleinen Hebel, der den feinen Gleichgewichtszustand im Körper beeinflusst.


Ernährung, die Entzündung fördert

Unsere Ernährung kann wie ein kontinuierlicher Alarmknopf wirken, der das Immunsystem in Dauerbereitschaft versetzt. Hochverarbeitete Lebensmittel, raffinierte Zucker, Transfette und gesättigte Fette senden Signale, die Entzündungsprozesse im Körper ankurbeln. Ein Weißbrot, das schnell in Zucker zerfällt, oder frittierte Snacks lassen den Blutzucker rasch steigen und aktivieren die NF-κB-Signalwege in den Immunzellen. Diese Signalwege sind wie Steuerleitungen, die die Ausschüttung von TNF-α und IL-6 auslösen, während die Leber mit der Produktion von CRP reagiert, einem messbaren Marker für Entzündungsaktivität. Gleichzeitig steigt die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG), weil die roten Blutkörperchen schneller aggregieren – ein unsichtbares, aber messbares Zeichen, dass der Körper im Alarmzustand ist (Hotamisligil, 2006; Calder et al., 2017).


Transfette, die in industriell gefertigten Backwaren, Margarine oder Fertiggerichten vorkommen, stören die Integrität der Zellmembranen wie Sand im Getriebe. Sie erhöhen die Gefäßdurchlässigkeit, fördern die Ausschüttung von IL-6 und TNF-α und begünstigen damit einen dauerhaften, milden Alarmzustand, der über Jahre Stoffwechsel, Gefäße, Energiehaushalt und Psyche belasten kann. Wiederholte Blutzuckerspitzen und stark verarbeitete Fette verstärken diesen Effekt und führen zu einer Art leiser, chronischer Entzündung, die wir „silent inflammation“ nennen.


Infobox – Entzündungsfördernde Lebensmittel

  • Weißmehlprodukte (Weißbrot, Brötchen, Pasta aus raffiniertem Mehl)

  • Zuckerhaltige Getränke und Süßigkeiten

  • Frittierte Lebensmittel (Pommes, Chips)

  • Transfette (industriell gehärtete Fette, Margarine, Backwaren)

  • Stark verarbeitete Snacks (Convenience-Food, Fertiggerichte)

  • Rotes und stark verarbeitetes Fleisch (Wurst, Salami)


Ernährung, die Entzündung hemmt

Auf der anderen Seite gibt es Lebensmittel, die wie beruhigende Dirigenten das Immunsystem regulieren und Entzündungsprozesse dämpfen. Omega-3-Fettsäuren aus fettem Seefisch, Leinsamen oder Walnüssen konkurrieren direkt mit entzündungsfördernden Signalen und reduzieren die Ausschüttung von TNF-α und IL-6 (Calder, 2015).


Antioxidantienreiche Pflanzen wie Beeren, Brokkoli, Spinat oder Paprika wirken wie Löschwasser für oxidative Stressflammen, neutralisieren freie Radikale und senken dadurch CRP.


Ballaststoffreiche Kost aus Vollkorn, Hülsenfrüchten und Gemüse nähren das Darmmikrobiom, das kurzkettige Fettsäuren produziert. Diese wirken wie kleine Boten, die das Immunsystem beruhigen, Entzündungsprozesse im Körper reduzieren und sogar die BSG günstig beeinflussen (Koh et al., 2016). Gewürze und sekundäre Pflanzenstoffe wirken ebenfalls direkt auf die Signalwege: Curcumin in Kurkuma hemmt NF-κB, Polyphenole in grünem Tee, dunkler Schokolade oder Beeren stabilisieren Zellmembranen und reduzieren oxidativen Stress. So werden die Mitochondrien entlastet, Energie effizienter genutzt, und die stille Entzündung nimmt ab.


Infobox – Entzündungshemmende Lebensmittel

  • Fettreicher Seefisch (Lachs, Makrele, Hering)

  • Walnüsse, Leinsamen, Chiasamen

  • Beeren (Blaubeeren, Himbeeren, Erdbeeren)

  • Grünes Blattgemüse (Spinat, Mangold, Grünkohl)

  • Brokkoli, Blumenkohl, Paprika

  • Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen)

  • Kurkuma, Ingwer, Knoblauch

  • Grüner Tee, dunkle Schokolade (≥70 % Kakao)


Fazit: Bewusst essen, ohne sich zu verbieten

Ernährung wirkt wie ein kontinuierlicher Einfluss auf die stille Entzündung im Körper – manche Lebensmittel schüren das Feuer, andere löschen es. Das bedeutet aber nicht, dass man niemals eine Schokolade, Pizza oder Pommes genießen darf. Entscheidend ist die Häufigkeit, Menge und die Gesamtbalance. Eine einzelne Leckerei schaltet das Immunsystem nicht dauerhaft in Alarmbereitschaft; erst die dauerhafte, stark verarbeitete Ernährung kann die chronische Entzündung fördern.


Bewusstes Essen heißt vielmehr, alternativen Wege zu finden, die Genuss und Gesundheit verbinden. Eine selbstgemachte Vollkornpizza, ein Brownie mit Gemüseanteil oder frisches Obst und Nüsse als Snack können dieselbe Freude bereiten, ohne das Entzündungspotenzial massiv zu erhöhen. Es geht darum, informierte Entscheidungen zu treffen, kleine Anpassungen im Alltag zu integrieren und zu verstehen, dass Ernährung ein Werkzeug ist, um den Körper zu unterstützen – nicht eine Liste von Verboten.


Kurz gesagt: Die Menge macht das Gift, und bewusste Wahlmöglichkeiten ermöglichen Genuss und gesundheitliche Balance gleichzeitig.


Ausblick


Anschließend gehen wir gezielt auf Zuckerarten ein: Wie unterschiedliche Zuckerformen Blutzucker, Insulin und Entzündungsprozesse beeinflussen – und welche Strategien helfen, Energie und Entzündung im Gleichgewicht zu halten.



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