Pilates heute: Was sich seit Joseph Pilates verändert hat
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Pilates hat sich seit Joseph Pilates deutlich weiterentwickelt. Der Kern bleibt zwar derselbe - bewusste Bewegung, Kontrolle, Atmung und Präzision -, doch die heutige Praxis ist stärker wissenschaftlich geprägt und viel individueller anpassbar.
Genau das macht Pilates für viele Menschen heute so relevant:
Es ist kein starres System mehr, sondern eine Trainingsmethode, die sich an unterschiedliche Körper, Ziele und Belastbarkeiten anpassen lässt.
Gerade im modernen Kontext wird Pilates nicht mehr nur als Übungsmethode verstanden, sondern als Teil eines durchdachten Trainingsansatzes. Dabei geht es um Belastungssteuerung, Bewegungsqualität und individuelle Anpassung. Diese Entwicklung ist ein Grund dafür, warum Pilates bis heute in Fitness, Prävention und Rehabilitation eine große Rolle spielt.
Was hat sich seit Joseph Pilates verändert?
Seit Joseph Pilates hat sich Pilates deutlich weiterentwickelt. Der Kern ist gleich geblieben: bewusste, kontrollierte Bewegung mit Fokus auf Atmung und Körperwahrnehmung. Verändert hat sich vor allem die Art, wie Pilates heute eingesetzt wird. Es wird weniger als starres System verstanden und stärker als Methode, die sich an unterschiedliche Menschen und Ziele anpassen lässt (Wells et al., 2014).
Früher stand oft die feste Übungsform im Vordergrund. Heute wird stärker gefragt, was eine Bewegung für die jeweilige Person leisten soll. Damit rückt nicht nur die Technik, sondern vor allem die Passung zwischen Übung, Ziel und Leistungsstand in den Mittelpunkt. Das ist ein wichtiger Schritt weg von einem einheitlichen Vorgehen hin zu mehr Individualität.
Auch die Rolle von Belastung und Steuerung hat sich verändert. Moderne Trainingspraxis denkt genauer darüber nach, wie intensiv, wie oft und in welcher Form eine Übung sinnvoll ist. Im Pilates bedeutet das: nicht möglichst viel oder möglichst schwierig, sondern passend dosiert und klar angeleitet (ACSM, 2021; Kisner & Colby, 2017).
Zudem wird Bewegung heute weniger streng in „richtig“ oder „falsch“ eingeteilt. Entscheidend ist stärker, ob eine Ausführung funktional, sicher und zielführend ist. Dadurch ist Pilates heute flexibler, individueller und näher an moderner Trainings- und Rehapraxis als früher (Schmidt & Lee, 2019).
Was moderne Trainingswissenschaft verändert hat
Die heutige Pilates-Praxis profitiert stark davon, dass Trainingswissenschaft heute viel genauer beschreibt, wie der Körper auf Reize reagiert. Damit ist Pilates nicht mehr nur eine Methode für kontrollierte Bewegung, sondern auch ein Trainingsansatz, bei dem Belastung, Umfang und Ziel bewusster gesteuert werden. Besonders wichtig sind dabei Krafttraining, progressive Belastung und individuelle Trainingssteuerung (ACSM, 2021).
Für Pilates bedeutet das: Eine Übung ist nicht nur deshalb sinnvoll, weil sie „sauber“ aussieht. Entscheidend ist, welchen Reiz sie setzt und ob dieser Reiz zur Person passt. Einsteiger brauchen oft andere Reize als Fortgeschrittene, Menschen mit Beschwerden andere als sportlich Trainierte. Moderne Trainingswissenschaft hat deshalb den Blick geschärft dafür, dass dieselbe Übung je nach Ausführung, Tempo, Wiederholung und Widerstand völlig unterschiedlich wirken kann (Kisner & Colby, 2017).
Ein weiterer zentraler Punkt ist das Bewegungslernen. Menschen lernen Bewegungen nicht alle gleich schnell und nicht alle auf dieselbe Weise. Deshalb ist gute Anleitung heute mehr als reine Korrektur. Sie bedeutet, Bewegung so zu erklären und zu dosieren, dass sie verstanden, gefühlt und kontrolliert verändert werden kann. Genau hier hat sich Pilates deutlich weiterentwickelt: weg von rein formorientierter Anleitung, hin zu einer didaktisch und trainingswissenschaftlich begründeten Steuerung (Schmidt & Lee, 2019).
Wichtig ist außerdem die Idee der progressiven Belastung. Der Körper passt sich nur dann langfristig an, wenn Reize nicht einfach gleich bleiben. Das heißt nicht, dass Pilates immer „härter“ werden muss, sondern dass Reize sinnvoll variiert und gesteigert werden können - zum Beispiel über Hebel, Tempo, Instabilität, Wiederholungen oder Komplexität. Dadurch wird Pilates heute viel stärker als echtes Training verstanden und nicht nur als reine Bewegungspraxis (ACSM, 2021).
Pilates in Rehabilitation und Physiotherapie
Pilates wird in der Rehabilitation und Physiotherapie eingesetzt, weil es kontrollierte, anpassbare Bewegung ermöglicht. Gerade bei Menschen mit Schmerzen, Unsicherheit in der Bewegung oder nach längeren Belastungspausen ist das hilfreich. Der große Vorteil liegt darin, dass Übungen sehr genau dosiert und an das aktuelle Leistungsniveau angepasst werden können (Wells et al., 2014).
Studien zeigen, dass Pilates besonders bei unspezifischen Rückenschmerzen, funktionellen Einschränkungen und der Verbesserung von Körperkontrolle sinnvoll sein kann. Gleichzeitig ist die Studienlage nicht so zu verstehen, dass Pilates „alles heilt“. Die Effekte sind meist dann am besten, wenn Pilates gezielt und in ein passendes Gesamtkonzept eingebettet wird (Cruz-Díaz et al., 2018).
Genau deshalb ist Pilates in der Physiotherapie oft ein Baustein unter mehreren. Je nach Ziel können zusätzlich Krafttraining, alltagsnahe Belastung oder andere therapeutische Maßnahmen nötig sein. Pilates ist also besonders wertvoll dort, wo Bewegungsqualität, Kontrolle und dosierter Aufbau gefragt sind - nicht als Ersatz für alles andere, sondern als sinnvolle Ergänzung.
Klassisches Pilates vs. Contemporary Pilates
Pilates ist heute kein einheitlich definiertes Trainingssystem mehr. Neben dem klassischen Pilates, das sich eng an den von Joseph Pilates entwickelten Übungen und Prinzipien orientiert, haben sich zahlreiche moderne Ansätze entwickelt. In der wissenschaftlichen Literatur wird Pilates allerdings nicht immer eindeutig in „klassisch“ und „Contemporary“ unterteilt. Stattdessen wird Pilates überwiegend anhand seiner Bewegungsprinzipien, Übungsformen und Trainingsziele beschrieben (Wells et al., 2012).
Was bedeutet klassisches Pilates?
Unter klassischem Pilates wird im Allgemeinen ein Ansatz verstanden, der sich eng an der ursprünglichen Pilates-Methode beziehungsweise der sogenannten „Contrology“ orientiert. Dazu gehören eine definierte Auswahl von Übungen, eine bestimmte Reihenfolge und die traditionellen Prinzipien wie Konzentration, Kontrolle, Präzision, Zentrierung, fließende Bewegung und Atmung (Wells et al., 2012).
Das klassische System hat damit etwas von einer überlieferten Choreografie: Die Übungen sind nicht zufällig zusammengestellt, sondern folgen einer bestimmten Logik. Der Körper soll lernen, Bewegungen kontrolliert und bewusst auszuführen. Dabei werden unter anderem Kraft, Rumpfstabilität, Beweglichkeit, Muskelkontrolle, Haltung und Atmung angesprochen (Wells et al., 2012).
„Klassisch“ bedeutet dabei jedoch zunächst, dass sich ein Training an dieser ursprünglichen Methode orientiert. Es bedeutet nicht automatisch, dass jede traditionelle Übung für jeden Menschen und jedes Trainingsziel die beste Wahl ist.
Was bedeutet Contemporary Pilates?
Contemporary Pilates bezeichnet moderne Weiterentwicklungen der Pilates-Methode. Der Begriff wird in der Praxis für Ansätze verwendet, die die Grundideen des Pilates mit neueren Erkenntnissen aus Trainingswissenschaft, Biomechanik, Physiotherapie und Bewegungslehre verbinden.
Im Mittelpunkt steht dabei häufig weniger die möglichst unveränderte Ausführung eines festgelegten Übungssystems als die Frage: Was braucht diese Person, um ihr Ziel zu erreichen?
Das kann beispielsweise bedeuten, eine Übung zu verändern, den Bewegungsumfang anzupassen, den Widerstand zu erhöhen oder zu reduzieren oder eine andere Übung auszuwählen, wenn sie für das individuelle Trainingsziel besser geeignet ist.
Wissenschaftlich lässt sich allerdings nicht sagen, dass Contemporary Pilates ein klar standardisiertes, eigenständiges Trainingssystem wäre. Schon die Forschung zeigt, dass Pilates in sehr unterschiedlichen Formen durchgeführt wird – auf der Matte ebenso wie an Geräten und mit unterschiedlichen Übungsprogrammen (Wells et al., 2012; Xu et al., 2023).
Wo liegen die Unterschiede zwischen klassischem und Contemporary Pilates?
Der wichtigste Unterschied liegt deshalb weniger in der Frage, welche Übungen gemacht werden, sondern darin, wie flexibel die Methode eingesetzt wird.
Klassisches Pilates orientiert sich stärker an der ursprünglichen Übungsauswahl, der Reihenfolge und den traditionellen Prinzipien. Contemporary Pilates interpretiert diese Prinzipien freier und verbindet sie stärker mit aktuellen Vorstellungen von Belastungssteuerung, individueller Anpassung und zielgerichtetem Training.
Man könnte es sich wie zwei Wege durch dieselbe Landschaft vorstellen: Der klassische Ansatz folgt eher einer historischen Route, die über Generationen weitergegeben wurde. Contemporary Pilates kann dieselbe Landschaft mit einer aktuellen Karte erkunden und den Weg stärker an den jeweiligen Ausgangspunkt und das Ziel anpassen.
Beide Ansätze können sinnvoll sein. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern die Qualität der Umsetzung.
Warum keine Variante automatisch besser ist
Die wissenschaftliche Forschung liefert keinen überzeugenden Beleg dafür, dass Pilates als Methode anderen Trainingsformen grundsätzlich überlegen ist. Eine systematische Übersichtsarbeit mit elf randomisierten Studien fand beispielsweise keine signifikanten Unterschiede zwischen Pilates und anderen Trainingsformen hinsichtlich dynamischer, isometrischer oder ausdauerbezogener Kraft sowie bei Balance und Flexibilität; die Evidenz wurde allerdings als sehr niedrig bis niedrig eingestuft (Pinto et al., 2022).
Das ist eine wichtige Unterscheidung: Ein Training muss nicht „besser als alles andere“ sein, um sinnvoll zu sein.
Auch innerhalb von Pilates ist deshalb nicht automatisch die traditionelle Variante die bessere und nicht automatisch die moderne Variante die fortschrittlichere. Entscheidend sind das Trainingsziel, die individuellen Voraussetzungen, die Belastbarkeit und die Qualität der Anleitung.
Pilates kann heute viel – aber nicht alles
Pilates kann mehrere körperliche Fähigkeiten gleichzeitig ansprechen. Gerade diese Kombination macht die Methode für viele Menschen interessant: Eine Übung kann beispielsweise gleichzeitig Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Bewegungskontrolle fordern. Dennoch bedeutet Vielseitigkeit nicht, dass Pilates jede andere Trainingsform ersetzen kann.
Die bisherige Forschung zeigt positive Effekte auf verschiedene körperliche und gesundheitliche Parameter, gleichzeitig ist die Qualität der Evidenz je nach untersuchtem Bereich unterschiedlich. Eine Umbrella-Review von 2023, die 27 systematische Reviews mit Meta-Analysen zusammenfasste, bewertete nur einen der eingeschlossenen Reviews als hochwertig; 15 wurden als niedrig und zehn als kritisch niedrig eingestuft (Xu et al., 2023).
Kraft – kontrollierte Belastung kann Kraft aufbauen
Pilates kann zur Verbesserung der muskulären Leistungsfähigkeit beitragen. Bereits frühere systematische Untersuchungen fanden Hinweise auf Verbesserungen der muskulären Ausdauer, während neuere Vergleiche zeigen, dass Pilates bei verschiedenen Kraftparametern nicht grundsätzlich besser abschneidet als andere Trainingsformen (Cruz-Ferreira et al., 2011; Pinto et al., 2022).
Das bedeutet nicht, dass Pilates kein Krafttraining ist. Körpergewicht, Hebelverhältnisse, Federn und Geräte können durchaus einen relevanten Widerstand erzeugen. Entscheidend ist vielmehr, wie stark und progressiv dieser Reiz gesetzt wird.
Wer gezielt maximale Kraft oder Muskelmasse entwickeln möchte, benötigt möglicherweise andere oder zusätzliche Trainingsreize. Ein progressiv aufgebautes Krafttraining kann dafür beispielsweise Widerstände wesentlich gezielter dosieren.
Ausdauer – Pilates kann fordern, ersetzt aber nicht jedes Ausdauertraining
Auch die Ausdauerfähigkeit kann durch Pilates beeinflusst werden. Eine Meta-Analyse von 2023 fand Hinweise darauf, dass Pilates die kardiorespiratorische Fitness verbessern kann. Gleichzeitig zeigte sich kein signifikanter Unterschied gegenüber anderen Trainingsformen, und die Qualität der Evidenz wurde als niedrig bis sehr niedrig eingestuft (Pessôa et al., 2023).
Das ist in der Praxis relevant: Eine intensive Pilates-Einheit kann durchaus den Puls erhöhen und den Körper spürbar fordern. Sie ist deshalb aber nicht automatisch mit einem spezifischen Ausdauertraining gleichzusetzen.
Wer seine Laufleistung verbessern, seine maximale Sauerstoffaufnahme steigern oder gezielt für einen Ausdauersport trainieren möchte, profitiert in der Regel von zusätzlichen, spezifischen Ausdauerreizen.
Beweglichkeit – mehr Bewegungsumfang mit Kontrolle
Beweglichkeit gehört zu den Bereichen, in denen Pilates besonders interessante Ansatzpunkte bietet. Eine systematische Übersichtsarbeit fand starke Evidenz dafür, dass Pilates bei gesunden Menschen die Flexibilität verbessern kann (Cruz-Ferreira et al., 2011).
Dabei geht es nicht nur darum, möglichst weit in eine Position zu kommen. Beweglichkeit wird im Alltag erst dann wirklich funktionell, wenn ein Mensch den vorhandenen Bewegungsumfang auch kontrollieren kann.
Genau hier liegt eine Stärke von Pilates: Bewegungen werden häufig langsam, bewusst und mit hoher Aufmerksamkeit ausgeführt. So kann Beweglichkeit mit aktiver Bewegungskontrolle verbunden werden.
Koordination – wenn Bewegung nicht nur groß, sondern präzise sein soll
Pilates fordert die koordinative Kontrolle des Körpers. Atmung, Haltung, Gleichgewicht und die gezielte Ansteuerung verschiedener Körperregionen werden häufig miteinander verbunden (Wells et al., 2012).
Auch für das dynamische Gleichgewicht gibt es Hinweise auf positive Effekte. Eine systematische Übersichtsarbeit fand hierfür starke Evidenz bei gesunden Menschen (Cruz-Ferreira et al., 2011).
Gerade deshalb kann Pilates interessant sein, wenn nicht nur Kraft oder Beweglichkeit, sondern auch die Qualität einer Bewegung im Mittelpunkt steht. Eine Bewegung wird nicht allein daran gemessen, wie weit oder wie schnell sie ausgeführt wird, sondern auch daran, wie kontrolliert sie gelingt.
Warum andere Trainingsformen Pilates sinnvoll ergänzen können
Die Stärke von Pilates liegt nicht darin, alles gleichzeitig ersetzen zu müssen. Vielmehr kann Pilates ein Baustein in einem vielseitigen Trainingsprogramm sein.
Krafttraining kann beispielsweise gezieltere progressive Widerstände setzen. Ausdauertraining kann das Herz-Kreislauf-System spezifischer belasten. Sportartspezifisches Training wiederum kann Bewegungen und Belastungen abbilden, die in einer allgemeinen Pilates-Einheit nicht vorkommen.
Das ist kein Widerspruch. Ein gutes Trainingsprogramm muss nicht aus einer einzigen Methode bestehen.
Im Gegenteil: Wenn unterschiedliche Trainingsformen unterschiedliche körperliche Anpassungen fördern, kann ihre Kombination sinnvoll sein. Pilates kann dabei insbesondere dort seine Stärken ausspielen, wo kontrollierte Bewegung, Körperwahrnehmung, Beweglichkeit, Gleichgewicht und muskuläre Ausdauer gefragt sind (Cruz-Ferreira et al., 2011; Pinto et al., 2022).
Was macht modernes Pilates wirklich gut?
Die Qualität eines modernen Pilates-Trainings lässt sich nicht daran messen, wie außergewöhnlich eine Übung aussieht. Eine anspruchsvolle Übung kann für eine Person genau richtig sein – und für eine andere völlig ungeeignet.
Gutes Pilates beginnt deshalb nicht mit der Übung, sondern mit der Frage nach dem Ziel.
Individuelle Anpassung statt „eine Übung für alle“
Menschen unterscheiden sich in Trainingszustand, Beweglichkeit, Kraft, Koordination, Erfahrung und Belastbarkeit. Ein sinnvoller Trainingsreiz muss deshalb nicht für alle Menschen gleich aussehen.
Moderne Ansätze können Übungen, Bewegungsumfang, Widerstand, Tempo und Komplexität an die jeweilige Person anpassen. Diese individuelle Gestaltung ist besonders wichtig, weil die in Studien untersuchten Pilates-Programme selbst sehr unterschiedlich aufgebaut sind (Wells et al., 2012; Xu et al., 2023).
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Kannst du diese Übung genauso machen wie im Lehrbuch? Sondern: Ist diese Variante für dich im Moment sinnvoll und bringt sie dich deinem Ziel näher?
Sinnvolle Belastung statt möglichst spektakulärer Bewegung
Eine Übung muss nicht kompliziert aussehen, um wirksam zu sein.
Gerade im Pilates kann eine kleine, kontrollierte Bewegung sehr fordernd sein. Umgekehrt kann eine spektakuläre Übung wenig bewirken, wenn sie zu leicht, zu schwer oder am eigentlichen Trainingsziel vorbeigeführt ist.
Aus trainingswissenschaftlicher Sicht ist deshalb der gesetzte Reiz entscheidend:
Wie stark wird der Körper gefordert?
Wie häufig wird trainiert?
Kann die Belastung im Verlauf gesteigert werden?
Und passt der Reiz zum angestrebten Ergebnis?
Die Forschung zu Pilates zeigt, dass positive Effekte möglich sind, gleichzeitig aber die Ergebnisse stark von Trainingsprogramm, Population, Umfang und Vergleichsgruppe abhängen (Xu et al., 2023; Pessôa et al., 2023).
Qualität der Anleitung entscheidet mit
Pilates ist eine Methode, bei der die Art der Vermittlung eine wichtige Rolle spielt. Eine gute Anleitung hilft dabei, Bewegungen zu verstehen, sinnvoll zu dosieren und an die eigenen Möglichkeiten anzupassen.
Dabei geht es nicht darum, jede Bewegung bis ins kleinste Detail zu korrigieren. Gute Anleitung bedeutet vielmehr, relevante Informationen zur richtigen Zeit zu geben:
Was soll die Übung bewirken?
Welche Bewegung ist entscheidend?
Wo sollte die Belastung spürbar sein?
Und wann sollte eine Variante verändert werden?
Die wissenschaftliche Literatur zeigt zugleich, dass Pilates-Interventionen sehr unterschiedlich gestaltet sind und die Qualität der Studien häufig begrenzt ist. Aussagen über einzelne Unterrichtsmerkmale sollten deshalb vorsichtig formuliert werden (Wells et al., 2012; Xu et al., 2023).
Das Ziel bestimmt die Übung – nicht die Übung das Ziel
Vielleicht ist das die wichtigste Idee eines modernen Pilates-Verständnisses.
Nicht: Welche möglichst anspruchsvolle Pilates-Übung können wir machen?
Sondern: Was wollen wir trainieren – und welche Übung ist dafür die sinnvollste?
Wenn mehr Beweglichkeit das Ziel ist, kann eine andere Übungsauswahl sinnvoll sein als bei einem Kraftziel. Wer Gleichgewicht verbessern möchte, braucht andere Anforderungen als jemand, der seine muskuläre Ausdauer steigern möchte. Und wer für eine bestimmte Sportart trainiert, benötigt zusätzlich sportartspezifische Belastungen.
Damit schließt sich auch der Kreis zwischen klassischem und Contemporary Pilates. Das klassische System bietet eine wertvolle Bewegungstradition und ein umfangreiches Übungsrepertoire. Contemporary Pilates kann dieses Repertoire flexibel mit aktuellen Erkenntnissen und individuellen Trainingszielen verbinden.
Modernes Pilates bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, möglichst viele neue Übungen zu erfinden. Es bedeutet vielmehr, bewusst auszuwählen, sinnvoll zu dosieren und den Menschen nicht der Methode unterzuordnen.
Denn am Ende ist nicht die spektakulärste Übung die beste Übung. Die beste Übung ist diejenige, die im richtigen Moment den richtigen Reiz setzt – und damit einen nachvollziehbaren Beitrag zum individuellen Ziel leistet.
Fazit
Pilates ist weder eine starre Methode noch ein Trainingssystem, das für sich allein alle körperlichen Fähigkeiten optimal abdeckt. Ob klassisch oder Contemporary Pilates: Beide Ansätze können sinnvoll sein, wenn sie fachlich fundiert, individuell angepasst und mit einem klaren Trainingsziel eingesetzt werden.
Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Pilates unter anderem Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht und körperliche Fitness positiv beeinflussen kann, wobei die Studienlage je nach Bereich unterschiedlich stark ist (Cruz-Ferreira et al., 2011; Xu et al., 2023). Gleichzeitig gibt es keinen überzeugenden Nachweis dafür, dass Pilates anderen Trainingsformen grundsätzlich überlegen ist (Pinto et al., 2022).
Entscheidend ist deshalb weniger das Etikett „klassisch“ oder „modern“, sondern wie sinnvoll das Training gestaltet wird. Eine gute Pilates-Einheit berücksichtigt die individuellen Voraussetzungen, setzt einen angemessenen Trainingsreiz und verfolgt ein nachvollziehbares Ziel. Dabei darf Pilates durch Kraft-, Ausdauer- oder sportartspezifisches Training ergänzt werden, wenn diese Trainingsformen für das persönliche Ziel zusätzliche Reize liefern.
Modernes Pilates bedeutet damit vor allem eines: nicht möglichst spektakulär zu trainieren, sondern möglichst sinnvoll. Die Qualität einer Übung zeigt sich nicht darin, wie anspruchsvoll sie aussieht, sondern darin, ob sie zum Menschen, zur Belastung und zum angestrebten Ziel passt.
Ausblick
Pilates wird noch immer häufig als „Frauentraining“ wahrgenommen, während Männer eher mit Krafttraining oder leistungsorientierten Sportarten verbunden werden. Doch wie viel Wahrheit steckt eigentlich hinter diesen Vorstellungen?
Trainieren Frauen und Männer tatsächlich unterschiedlich? Gibt es Sportarten oder Trainingsformen, die sich besser für das eine oder andere Geschlecht eignen? Und braucht ein gutes Training überhaupt eine Unterscheidung zwischen „Frauenübungen“ und „Männerübungen“?
Im nächsten Beitrag schauen wir uns genauer an, welche körperlichen Unterschiede tatsächlich eine Rolle spielen und wo Geschlechterklischees das Training stärker beeinflussen als die Wissenschaft.




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