Arthrose behandeln – was wirklich hilft
- 23. Jan.
- 7 Min. Lesezeit
Warum ein ganzheitlicher Ansatz aus Bewegung, Therapie, Ernährung und mentaler Gesundheit entscheidend ist

Arthrose verstehen, um sie wirksam zu behandeln
Arthrose gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates. Fast jede zweite Person über 60 zeigt im Röntgenbild arthrotische Veränderungen, doch längst nicht alle leiden unter Schmerzen oder Funktionseinschränkungen.
Genau hier beginnt eines der größten Missverständnisse rund um das Thema Arthrose:
Der strukturelle Befund allein entscheidet nicht darüber, wie stark ein Mensch im Alltag eingeschränkt ist.
Arthrose ist keine akut „heilbare“ Erkrankung im klassischen medizinischen Sinne. Knorpelgewebe regeneriert sich nur begrenzt, und einmal entstandene strukturelle Veränderungen lassen sich nicht einfach rückgängig machen. Gleichzeitig ist Arthrose aber hochgradig beeinflussbar. Schmerzen lassen sich reduzieren, Funktionen erhalten oder sogar verbessern, Entzündungsprozesse modulieren und die Lebensqualität deutlich steigern. Entscheidend ist dabei nicht eine einzelne Maßnahme, sondern das Zusammenspiel mehrerer therapeutischer Säulen.
Das Ziel moderner Arthrosebehandlung ist daher nicht die Reparatur eines einzelnen Gewebes, sondern die Wiederherstellung von Belastbarkeit, Bewegungssicherheit und Kontrolle. Arthrose erfordert kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch: Medizinische Maßnahmen können unterstützen, ersetzen jedoch niemals aktive Therapie, Bewegung, Anpassung des Lebensstils und mentale Stabilität.
Dieser Beitrag zeigt fundiert und verständlich, was bei Arthrose wirklich hilft, welche Maßnahmen sinnvoll sind, wo ihre Grenzen liegen und wie Betroffene realistische, nachhaltige Entscheidungen für ihren Körper treffen können.
Bewegung und Therapie –
Die zentrale Säule der Arthrosebehandlung
Bewegung als biologischer Reiz, nicht als Belastung
Gelenke sind keine passiven Bauteile, sondern lebendige Systeme. Knorpelgewebe wird nicht direkt durchblutet, sondern über Bewegung ernährt. Druck- und Entlastungswechsel sorgen dafür, dass Nährstoffe in den Knorpel ein- und Stoffwechselprodukte ausgeschwemmt werden. Ohne Bewegung verschlechtert sich diese Versorgung, was langfristig zu einer Abnahme der Gewebequalität führt.
Zahlreiche Studien zeigen, dass gezielte Bewegung bei Arthrose nicht schadet, sondern schützt. Eine große Metaanalyse aus dem British Journal of Sports Medicine (2019) belegt, dass strukturierte Bewegungsprogramme bei Knie- und Hüftarthrose Schmerzen signifikant reduzieren und die Funktion verbessern können – unabhängig vom Arthrosegrad. Entscheidend ist dabei nicht die maximale Belastung, sondern die Art, Dosierung und Regelmäßigkeit der Bewegung.
Schonung mag kurzfristig schmerzlindernd wirken, führt langfristig jedoch zu Muskelabbau, Koordinationsverlust und einer erhöhten Gelenkbelastung im Alltag. Weniger Muskelkraft bedeutet mehr Druck auf passive Strukturen. Arthrose verschlechtert sich dadurch nicht primär strukturell, sondern funktionell.
Gelenkfreundliche Belastung: zyklisch, variabel, kontrolliert
Gelenkfreundliche Bewegung zeichnet sich durch zyklische Belastungen, wechselnde Druckverhältnisse und eine gute Bewegungsqualität aus. Gehen, Radfahren, Schwimmen oder kontrolliertes Krafttraining erzeugen rhythmische Reize, die den Gelenkstoffwechsel fördern. Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viel zu tun, sondern richtig zu bewegen.
Der Unterschied zwischen „viel Bewegung“ und „guter Bewegung“ liegt in der Steuerung. Unspezifische Aktivität kann bestehende Fehlbelastungen verstärken, während gezielte Bewegung diese korrigieren kann. Genau hier beginnt die Rolle von Therapie und Training.
Physiotherapie – mehr als passive Behandlung
Physiotherapie wird im Zusammenhang mit Arthrose häufig missverstanden. Sie ist keine passive Maßnahme im Sinne von „Behandlung am Patienten“, sondern ein aktiver, therapeutisch gesteuerter Lernprozess. Ziel ist es, dem Körper wieder funktionelle Belastbarkeit zu ermöglichen, nicht ihn kurzfristig zu entspannen. Deshalb besteht moderne Physiotherapie nicht aus Massage, sondern aus gezielter Weichteiltherapie, aktiver Bewegungstherapie und neuromuskulärer Schulung.
Weichteiltherapie dient dabei nicht der Entspannung, sondern der gezielten Beeinflussung von Muskelspannung, Faszienbeweglichkeit und schmerzhaften Schutzmustern. Verspannte oder überaktive Strukturen werden vorbereitet, um Bewegung wieder zuzulassen. Der eigentliche Kern der Therapie liegt jedoch in der aktiven Arbeit.
Physiotherapeut:innen arbeiten mit unterschiedlichen Muskelarbeitsformen, abhängig vom Stadium der Arthrose und der aktuellen Belastbarkeit. Isometrische Übungen, bei denen Muskeln Spannung aufbauen, ohne das Gelenk zu bewegen, kommen häufig in schmerzhaften oder instabilen Phasen zum Einsatz. Sie ermöglichen Kraftaufbau, ohne das Gelenk zusätzlich zu reizen. Exzentrische Übungen, bei denen der Muskel unter Spannung verlängert wird, sind besonders effektiv, um Belastbarkeit und Kontrolle zu verbessern, da sie hohe Kraftreize bei vergleichsweise geringer Gelenkbelastung erzeugen. Ergänzt wird dies durch konzentrische Bewegungen, funktionelle Alltagsübungen und koordinative Aufgaben.
Ein weiterer zentraler Bestandteil ist die Schulung der Gelenkführung. Therapeut:innen arbeiten daran, Bewegungen wieder gleichmäßig über das Gelenk zu verteilen, anstatt punktuelle Überlastungen entstehen zu lassen. Dazu gehören zum Beispiel Übungen zur Sprunggelenk-, Hüft- und Rumpfstabilität bei Kniearthrose ebenso wie zur Schulterblattkontrolle bei Schulterarthrose. Ziel ist immer, das Gelenk wieder „zentriert“ zu bewegen.
Physiotherapie endet nicht bei der Behandlungseinheit. Sie vermittelt Verständnis, Sicherheit und konkrete Werkzeuge, mit denen Betroffene ihren Körper im Alltag besser steuern können. Damit wird sie zur Grundlage für eigenständiges Training und langfristige Selbstwirksamkeit.
Training und Alltagsbewegung
Physiotherapie bildet häufig den Einstieg, Training die Fortsetzung. Während die Therapie Defizite identifiziert und erste Anpassungen ermöglicht, sorgt regelmäßiges Training für langfristige Effekte. Studien zeigen, dass Krafttraining bei Arthrose nicht nur sicher ist, sondern eine der effektivsten Maßnahmen zur Schmerzreduktion darstellt (Osteoarthritis and Cartilage, 2018).
Alltagsbewegung spielt dabei eine ebenso große Rolle. Trainingseinheiten allein können einen bewegungsarmen Alltag nicht kompensieren. Ziel ist es, Bewegung wieder selbstverständlich in den Tagesablauf zu integrieren, ohne Überforderung oder Angst vor Schmerz.
Schmerz ist nicht gleich Schaden
Ein zentrales Hindernis in der Arthrosebehandlung ist die Angst vor Schmerz. Viele Betroffene setzen Schmerz automatisch mit weiterem Schaden gleich und vermeiden Bewegung. Dabei ist Schmerz ein komplexes Signal, das nicht ausschließlich den Zustand des Gewebes widerspiegelt, sondern auch von Nervensystem, Erfahrung und Erwartung beeinflusst wird.
Belastungsbedingter Schmerz tritt häufig während oder kurz nach Bewegung auf, bleibt gut lokalisierbar, klingt innerhalb von Stunden wieder ab und hinterlässt kein anhaltendes Gefühl von Instabilität oder Kontrollverlust. Er wird oft als „ziehend“, „arbeitend“ oder „dumpf“ beschrieben. Dieser Schmerz ist Ausdruck davon, dass Gewebe belastet wird, das lange unterfordert oder sensibel geworden ist. In einem angemessenen Rahmen ist er nicht gefährlich, sondern Teil eines Anpassungsprozesses. Viele Patient:innen berichten sogar, dass sich dieser Schmerz mit der Zeit verändert und insgesamt weniger bedrohlich anfühlt.
Ein Warnsignal hingegen unterscheidet sich deutlich. Es äußert sich durch stechende, einschießende oder zunehmende Schmerzen, die auch in Ruhe anhalten, sich über Tage verstärken oder mit deutlicher Schwellung, Instabilität oder Kraftverlust einhergehen. Solche Signale erfordern eine Anpassung der Belastung, eine Pause oder eine therapeutische Neubewertung. Hier geht es nicht darum, Bewegung zu vermeiden, sondern sie gezielt zu regulieren.
Der entscheidende Unterschied liegt also nicht darin, ob Schmerz vorhanden ist, sondern wie er sich verhält. Wer lernt, diese Unterschiede zu erkennen, verliert die Angst vor Bewegung und gewinnt Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper. Genau diese Fähigkeit ist ein zentraler Bestandteil erfolgreicher Arthrosetherapie.
Ernährung und Entzündung – Arthrose ganzheitlich beeinflussen
Arthrose als mechanisch-entzündlicher Prozess
Lange galt Arthrose als reine Verschleißerkrankung. Heute weiß man, dass sie auch entzündliche Komponenten besitzt. Diese Entzündungen sind oft niedriggradig und chronisch, beeinflussen jedoch das Schmerzempfinden und den Krankheitsverlauf erheblich.
Ernährung kann diese Prozesse verstärken oder dämpfen. Dabei geht es nicht um einzelne „Wundermittel“, sondern um das Gesamtsystem Stoffwechsel, Gewicht und Entzündungsregulation.
Entzündungshemmende Ernährung als Unterstützung
Omega-3-Fettsäuren, antioxidativ wirksame Pflanzenstoffe und eine ausreichende Eiweißzufuhr spielen eine wichtige Rolle. Omega-3-Fettsäuren können entzündungsmodulierend wirken, Antioxidantien oxidative Prozesse reduzieren und Eiweiß unterstützt den Erhalt und Aufbau von Muskelgewebe.
Problematisch sind stark verarbeitete Lebensmittel, ein hoher Zuckerkonsum und ein dauerhaftes Kalorienüberangebot. Sie fördern systemische Entzündungen und können das Schmerzempfinden verstärken. Studien zeigen, dass Übergewicht nicht nur mechanisch, sondern auch metabolisch zur Arthrose beiträgt, da Fettgewebe entzündungsaktive Botenstoffe produziert (The Lancet Rheumatology, 2020).
Mentale Gesundheit und Schmerzverarbeitung
Schmerz ist mehr als ein Gewebesignal
Schmerz entsteht im Gehirn. Er wird beeinflusst durch Erfahrungen, Erwartungen, Emotionen und Stress. Angst vor Bewegung, Katastrophisierung und Vermeidungsverhalten verstärken das Schmerzempfinden und führen langfristig zu funktionellen Einschränkungen.
Chronischer Stress erhöht die Entzündungsaktivität im Körper und senkt gleichzeitig die Regenerationsfähigkeit. Die Verbindung zwischen Stress, Entzündung und Schmerz ist wissenschaftlich gut belegt.
Selbstwirksamkeit als therapeutischer Faktor
Aufklärung, realistische Erwartungen und das Gefühl, den eigenen Zustand beeinflussen zu können, wirken therapeutisch. Studien aus der Schmerzforschung zeigen, dass Hoffnung, Kontrolle und Verständnis messbare Effekte auf Schmerzintensität und Lebensqualität haben (Pain, 2017).
Mentale Gesundheit ist daher kein Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil jeder erfolgreichen Arthrosebehandlung.
Medizinische Maßnahmen – unterstützend, nicht dominierend
Medikamente: Nutzen und Grenzen
Nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac wirken schmerzlindernd und entzündungshemmend. Sie sind hilfreich in akuten Phasen, jedoch keine Dauerlösung. Langfristige Einnahme ist mit Risiken für Magen, Herz-Kreislauf-System und Nieren verbunden.
Paracetamol wird häufig empfohlen, zeigt jedoch bei Arthrose nur geringe Wirksamkeit. Opioide können kurzfristig Schmerzen reduzieren, bergen jedoch ein hohes Risiko für Abhängigkeit und Funktionsverlust und werden heute kritisch gesehen.
Injektionen: differenziert betrachten
Injektionen werden häufig eingesetzt, wenn Schmerzen trotz Bewegungstherapie und medikamentöser Behandlung nicht ausreichend kontrollierbar sind. Sie können Symptome lindern, greifen jedoch nicht ursächlich in den Arthroseprozess ein und sollten daher immer eingebettet in ein aktives Behandlungskonzept betrachtet werden.
Kortisoninjektionen wirken stark entzündungshemmend und können insbesondere bei ausgeprägten Entzündungsreaktionen kurzfristig eine deutliche Schmerzlinderung bewirken. Ihr Effekt ist zeitlich begrenzt und kann je nach individueller Situation Wochen bis wenige Monate anhalten. Der wiederholte Einsatz ist jedoch kritisch zu sehen, da Kortison bei häufiger Anwendung die Gewebequalität beeinträchtigen und den Knorpelabbau fördern kann. Deshalb werden Kortisoninjektionen heute eher zurückhaltend und gezielt eingesetzt.
Hyaluronsäure-Injektionen zielen darauf ab, die Gelenkflüssigkeit viskoelastischer zu machen und so die Gleitfähigkeit im Gelenk zu verbessern. Die wissenschaftliche Studienlage ist uneinheitlich. Während einige Patient:innen subjektiv von einer Verbesserung berichten, zeigen große Metaanalysen nur geringe bis moderate Effekte. Hyaluronsäure gilt als vergleichsweise risikoarm, ersetzt jedoch keine aktive Therapie.
PRP-Injektionen, bei denen körpereigenes Blutplasma mit hoher Konzentration an Wachstumsfaktoren verwendet wird, werden zunehmend diskutiert. Erste Studien zeigen potenziell positive Effekte auf Schmerzen und Funktion, insbesondere in frühen Arthrosestadien. Allerdings ist die Datenlage noch nicht ausreichend standardisiert, und Langzeiteffekte sind nicht abschließend geklärt.
Gemeinsam ist allen Injektionstherapien, dass sie unterstützen, aber nicht heilen. Ohne begleitende Bewegungstherapie verpufft ihr Nutzen häufig innerhalb kurzer Zeit.
Operationen: kein Scheitern, aber letzter Schritt
Operative Maßnahmen kommen dann in Betracht, wenn konservative Therapieformen ausgeschöpft sind und Schmerzen oder Funktionseinschränkungen die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dabei ist entscheidend, welche Art von Operation gewählt wird und welches Ziel damit verfolgt wird.
Gelenkerhaltende Operationen zielen darauf ab, die Biomechanik des Gelenks zu verbessern und die Belastung günstiger zu verteilen. Dazu gehören beispielsweise Umstellungsosteotomien, bei denen Knochen gezielt durchtrennt und neu ausgerichtet werden, um Fehlstellungen wie X- oder O-Beine zu korrigieren. Dadurch wird die Hauptbelastung von stark geschädigten Gelenkarealen auf weniger betroffene Bereiche verlagert. Auch arthroskopische Eingriffe können in ausgewählten Fällen sinnvoll sein, etwa um freie Gelenkkörper zu entfernen oder mechanische Blockaden zu lösen. Wichtig ist jedoch, dass solche Eingriffe keine Arthrose „reparieren“, sondern funktionelle Voraussetzungen verbessern.
Der Gelenkersatz, etwa durch eine Knie- oder Hüftprothese, wird dann erwogen, wenn Schmerzen dauerhaft bestehen und andere Maßnahmen keine ausreichende Wirkung mehr zeigen. Dabei werden die geschädigten Gelenkflächen durch künstliche Komponenten ersetzt, um schmerzfreie Bewegung wieder zu ermöglichen. Moderne Prothesen erzielen sehr gute Ergebnisse, insbesondere wenn sie funktionell sinnvoll indiziert sind. Dennoch bleibt auch nach einer Operation Bewegungstherapie essenziell. Eine Prothese ersetzt kein Training, sondern schafft die Voraussetzung dafür.
Eine Operation ist daher kein Zeichen des Scheiterns, sondern eine Option innerhalb eines Stufenkonzepts. Entscheidend ist, dass sie nicht allein auf Basis eines Bildbefundes, sondern unter Berücksichtigung von Funktion, Belastbarkeit und Lebensqualität getroffen wird.
Fazit
Arthrose ist ein langfristiger Begleiter, aber kein Urteil über Lebensqualität. Mit einem guten Belastungsmanagement, klaren Routinen und einem ganzheitlichen Ansatz ist ein aktives Leben möglich. Anpassung bedeutet nicht Verzicht, sondern kluge Steuerung.
Ausblick: Dachreihe 1 – Bewegung, Regeneration und Körpersteuerung
Dieser Beitrag bildet die Grundlage für die kommende Dachreihe „Bewegung, Regeneration und Körpersteuerung“. In den nächsten Wochen werden wir tiefer eintauchen in Themen wie Faszien und Regeneration, Koordination und Nervensystem, Wahrnehmung und Sinne, Bandagen und Taping, Schlaf und Regeneration sowie ganzheitliches Gewichtsmanagement. Ziel ist es, die einzelnen Bausteine verständlich zu machen und zu zeigen, wie sie im Alltag praktisch umgesetzt werden können.




Kommentare