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Arthrose Ursachen verstehen: 😊💡 Warum Gelenke langsam verschleißen

  • 21. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit



Arthrose Ursachen verstehen
Arthrose entsteht nicht im Knorpel – sondern in jahrelang veränderten Belastungsmustern

Arthrose entsteht nicht über Nacht. Sie ist kein plötzliches „Kaputtgehen“ eines Gelenks und auch kein unausweichliches Schicksal des Älterwerdens. Arthrose ist das Ergebnis eines langjährigen Anpassungsprozesses, bei dem ein Gelenk über Zeit mehr Belastung erfährt, als es strukturell sinnvoll ausgleichen kann.


Dabei ist Arthrose selten auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Viel häufiger ist sie das Resultat aus mehreren Faktoren, die sich gegenseitig verstärken: Fehlbelastungen, reduzierte Belastbarkeit, unzureichende muskuläre Führung, frühere Verletzungen, einseitige Bewegungsmuster oder dauerhaft fehlende Regeneration. Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren führt dazu, dass sich ein Gelenk Schritt für Schritt verändert.



1️⃣ Arthrose beginnt nicht im Knorpel – sondern im Belastungsmuster


Ein zentraler Irrtum in der Betrachtung von Arthrose ist die Vorstellung, dass der Knorpel der Ausgangspunkt des Problems sei. In Wirklichkeit ist der Knorpel meist das Opfer, nicht der Täter.


Arthrose entsteht selten dort, wo man sie später sieht. Der sichtbare Knorpelabbau ist meist nur das Endergebnis eines jahrelangen Prozesses, der viel früher beginnt – im Belastungsmuster eines Gelenks. Um das zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass Gelenke nicht isoliert funktionieren. Sie sind Teil einer Kette, in der jede Veränderung an einer Stelle Auswirkungen an einer anderen hat.


Ein klassisches Beispiel ist der Senk- oder Spreizfuß. Sinkt das Fußlängs- oder Quergewölbe ab, verändert sich die Stellung des Sprunggelenks. Das Schienbein rotiert minimal nach innen, das Knie folgt dieser Rotation und gerät zunehmend in eine X-Bein-Position. Diese Abweichung ist oft klein, aber dauerhaft. Dadurch wird das Kniegelenk nicht mehr gleichmäßig belastet, sondern stärker auf der äußeren oder inneren Gelenkfläche. Über Jahre entstehen dort erhöhte Druckzonen – genau an den Stellen, an denen später Arthrose sichtbar wird.


Ein ähnlicher Mechanismus zeigt sich bei einer unzureichend stabilisierenden Hüft- und Beckenmuskulatur. Wenn die seitlichen Hüftmuskeln ihre Funktion nicht ausreichend erfüllen, kippt das Becken bei jedem Schritt minimal ab. Diese Bewegung ist kaum sichtbar, hat aber massive Folgen: Hüfte, Knie und Wirbelsäule müssen diese Instabilität kompensieren. Das Gelenk arbeitet dann nicht mehr zentriert, sondern „schief“. Der Knorpel wird immer wieder in denselben Bereichen stärker belastet, während andere Zonen kaum Reize erhalten.


Man kann sich das wie ein Motor mit schlecht ausgerichteten Zylindern vorstellen. Jeder einzelne Zylinder funktioniert für sich, aber wenn sie nicht exakt aufeinander abgestimmt sind, entsteht Reibung an Stellen, die dafür nicht vorgesehen sind. Der Motor läuft weiter – aber er verschleißt schneller. Genauso verhält es sich mit Gelenken: Sie funktionieren oft jahrelang trotz ungünstiger Belastung, bis die Reserven aufgebraucht sind.


Studien zeigen, dass Achsabweichungen, muskuläre Dysbalancen und veränderte Bewegungsmuster zu den stärksten Prädiktoren für die spätere Arthroseentwicklung gehören – oft stärker als das Lebensalter allein. Der Knorpel reagiert also nicht auf „Alter“, sondern auf dauerhaft ungünstige mechanische Reize.


2️⃣ Die Phasen der Arthrose – ein biologischer Umbauprozess

Arthrose verläuft nicht linear, sondern in klar unterscheidbaren Phasen, die sich funktionell und strukturell voneinander abgrenzen lassen. Um diesen Prozess greifbarer zu machen, begleiten wir gedanklich ein Kniegelenk über mehrere Jahre.


🤫 Funktionelle Überlastung – die stille Phase


In der ersten Phase ist das Gelenk äußerlich noch unauffällig. Der Knorpel erscheint glatt, doch auf mikroskopischer Ebene beginnen bereits Veränderungen. Durch ungleichmäßige Belastung entstehen Mikrorisse in der Knorpelmatrix, die zunächst keine Schmerzen verursachen. Die Versorgung des Knorpels wird ineffizienter, seine Elastizität nimmt ab.

Unser Beispielknie fühlt sich nach längerer Belastung gelegentlich steif an, vielleicht morgens oder nach dem Sport. Bewegung tut zunächst gut, weil sie die Gelenkflüssigkeit verteilt – ein frühes Warnsignal, das oft ignoriert wird.


⚡ Früharthrose – erste strukturelle Veränderungen


Bleibt das Belastungsmuster unverändert, schreitet der Prozess fort. Die Mikrorisse vergrößern sich, der Knorpel verliert weiter an Qualität. Er kann Druck nicht mehr gleichmäßig verteilen, wodurch die Belastung auf den darunterliegenden Knochen zunimmt.

In dieser Phase treten Beschwerden häufiger auf. Das Knie reagiert empfindlicher auf Belastung, gelegentlich kommt es zu Schwellungen. Die Gelenkinnenhaut kann sich wiederholt entzünden, was den biologischen Stress im Gelenk weiter erhöht. Bildgebende Verfahren zeigen jetzt erste strukturelle Veränderungen.


🦴 Fortschreitende Arthrose – Anpassung durch Umbau


Der Körper versucht, die veränderten Druckverhältnisse auszugleichen. Der Knochen unter dem Knorpel wird dichter und härter, verliert aber gleichzeitig seine stoßdämpfende Funktion. Knöcherne Anbauten entstehen als Versuch, die Gelenkfläche zu vergrößern.

Unser Knie fühlt sich nun nicht nur belastungsabhängig schmerzhaft an, sondern auch nach Ruhephasen. Bewegungen werden eingeschränkter, das Gelenk verliert an „Geschmeidigkeit“.


🩼 Spätarthrose – strukturelle Dominanz


In der letzten Phase ist der Knorpel stark reduziert oder lokal vollständig abgebaut. Die Beweglichkeit ist deutlich eingeschränkt, Schmerzen können auch in Ruhe auftreten. Gleichzeitig ist diese Phase oft von massiver muskulärer Abschwächung begleitet, da das Gelenk über Jahre geschont wurde.


Wichtig: Diese Phase beschreibt einen strukturellen Zustand, nicht zwangsläufig das Ausmaß der Beschwerden. Viele Menschen haben radiologisch ausgeprägte Arthrose und dennoch geringe Schmerzen – ein Hinweis darauf, wie wichtig funktionelle Faktoren sind.


3️⃣ Arthrose Ursachen, Risikofaktoren und Fehlbelastungen im Überblick


Fehlbelastungen sind einer der zentralen Treiber von Arthrose. Sie entstehen nicht nur durch offensichtliche Fehlstellungen, sondern auch durch alltägliche Gewohnheiten. Ein Gelenk, das ständig in derselben Position belastet wird, verliert seine Fähigkeit zur gleichmäßigen Druckverteilung.


Das betrifft alle großen Gelenke: Knie, Hüfte, Schulter ebenso wie die Wirbelsäule. Ein Knie, das durch eine leichte Achsabweichung jahrelang mehr Druck auf einer Seite erfährt, entwickelt dort früher Knorpelveränderungen. Eine Schulter, die regelmäßig hohe Lasten ohne ausreichende Bewegungsvielfalt tragen muss, wird anfälliger für degenerative Prozesse. Eine Hüfte, deren umliegende Muskulatur nicht ausreichend stabilisiert, verliert langfristig ihre zentrierte Führung.


Diese Prozesse verlaufen langsam, aber konsequent. Arthrose ist deshalb oft das Ergebnis von „zu viel vom Gleichen“ – nicht von einmaliger Überlastung.

Fehlbelastungen entstehen nicht nur durch extreme Belastungen, sondern vor allem durch Dauer und Einseitigkeit. Ein Gelenk ist darauf ausgelegt, Belastung zu variieren. Wird es immer wieder auf dieselbe Weise beansprucht, verliert es seine Fähigkeit zur gleichmäßigen Druckverteilung.


Plötzliche Belastungsspitzen – etwa durch ungewohnte Aktivitäten oder fehlende Vorbereitung – verstärken diesen Effekt. Der Knorpel reagiert auf Überlastung nicht mit Schmerz, sondern zunächst mit struktureller Veränderung. Erst wenn diese Anpassung nicht mehr ausreicht, entstehen Symptome.


Besonders häufige Fehlbelastungen sind:

  • dauerhaft einseitige Bewegungsmuster im Alltag oder Beruf

  • Sport ohne ausreichende Variabilität

  • fehlende Regeneration zwischen Belastungen


All diese Faktoren führen dazu, dass bestimmte Gelenkbereiche immer wieder „zu viel“ abbekommen, während andere unterfordert bleiben.

5️⃣Die Rolle der Muskulatur – Schutz oder Risiko


Muskeln sind weit mehr als reine Kraftproduzenten. Sie stabilisieren Gelenke, steuern Bewegungen und wirken als aktive Stoßdämpfer. Wenn diese Funktion eingeschränkt ist – sei es durch Muskelschwäche, Koordinationsdefizite oder muskuläre Dysbalancen – steigt die Belastung auf den Gelenkknorpel deutlich.


Studien zeigen, dass reduzierte Muskelkraft ein eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten von Arthrose ist. Entscheidend ist nicht, wie viel Kraft ein Muskel erzeugen kann, sondern wie präzise und koordiniert er sie einsetzt. Ein Muskel, der zu spät oder unkoordiniert aktiviert wird, schützt das Gelenk nicht – selbst wenn er stark ist.


Kontrollierte, fein abgestimmte Muskelarbeit sorgt dafür, dass Gelenke zentriert bleiben und Belastung gleichmäßig verteilt wird. Fehlt diese Kontrolle, entstehen Mikrobewegungen im Gelenk, die langfristig den Verschleiß fördern. Studien zeigen, dass neuromuskuläre Defizite ein eigenständiger Risikofaktor für Arthrose sind – unabhängig von Muskelmasse.


6️⃣Verletzungen als Ausgangspunkt einer Arthrose


Viele Arthrosen haben ihren Ursprung in früheren Verletzungen. Auch wenn diese subjektiv „gut verheilt“ sind, verändern sie häufig dauerhaft die Gelenkmechanik. Eine minimale Instabilität, ein veränderter Bewegungsablauf oder ein Verlust an Beweglichkeit reichen aus, um die Belastungsverhältnisse langfristig zu verschieben.


Besonders nach Band- oder Meniskusverletzungen steigt das Arthroserisiko deutlich – selbst Jahre später. Der Körper kompensiert diese Veränderungen oft unbewusst, doch diese Kompensation erfolgt selten gleichmäßig.


Verletzungen verändern häufig dauerhaft die Gelenkmechanik. Auch nach scheinbar vollständiger Heilung bleiben oft subtile Defizite zurück: minimale Instabilität, veränderte Bewegungsabläufe oder reduzierte Belastbarkeit bestimmter Strukturen.


Ein gerissenes Band, ein verletzter Meniskus oder eine Fraktur verändert die Art, wie Kräfte durch das Gelenk geleitet werden. Diese veränderte Lastverteilung erhöht das Arthroserisiko deutlich – oft erst Jahre später.


Man kann sich das wie eine leicht verzogene Achse vorstellen: Das System funktioniert weiter, aber der Verschleiß nimmt zu.


7️⃣Übergewicht: Mehr als nur „zu viel Last“


Übergewicht wirkt auf Gelenke nicht nur mechanisch. Natürlich erhöht jedes zusätzliche Kilogramm den Druck – vor allem auf Knie, Hüfte und Sprunggelenk. Doch Fettgewebe ist auch stoffwechselaktiv.


Es produziert entzündungsfördernde Botenstoffe, sogenannte Zytokine, die den Knorpelabbau begünstigen. Deshalb tritt Arthrose auch häufiger in Gelenken auf, die gar nicht direkt belastet werden, wie den Händen.


Dieser Zusammenhang ist gut belegt (Berenbaum et al., 2013).


💬Fazit


Arthrose entsteht nicht, weil ein Gelenk „alt“ ist, sondern weil es über Jahre hinweg nicht optimal genutzt wurde – oft ohne böse Absicht, oft unbemerkt. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das aus dem Gleichgewicht geraten ist: zwischen Belastung und Belastbarkeit, zwischen Bewegung und Regeneration, zwischen Stabilität und Mobilität.


Arthrose ist kein Endpunkt, sondern ein Prozess. Wer versteht, warum sie entsteht, versteht auch, wo man ansetzen kann. Genau darum geht es im nächsten Beitrag: nicht um Theorie, sondern um konkrete Wege, wie man mit Arthrose umgehen, sie beeinflussen und oft deutlich entschärfen kann – medizinisch, therapeutisch und im Alltag.


🔜Ausblick auf Beitrag 3


Im nächsten Beitrag geht es um die zentrale Frage:

Was hilft wirklich bei Arthrose?


Medizin, Physiotherapie, Training, Ernährung und Leben mit Arthrose – realistisch, evidenzbasiert und praxisnah.


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