đŠ”đ„Arthrose verstehen â wie Gelenke funktionieren, warum sie sich verĂ€ndern und was wirklich dahintersteckt
- 19. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Arthrose gehört zu den hĂ€ufigsten Diagnosen in OrthopĂ€die und Physiotherapie â und gleichzeitig zu den Erkrankungen, die am meisten missverstanden werden. FĂŒr viele Menschen klingt Arthrose wie ein endgĂŒltiges Urteil: Abnutzung, Stillstand, Schmerz. Doch dieses Bild wird der RealitĂ€t eines Gelenks nicht gerecht.
Ein Gelenk ist kein totes Bauteil, sondern ein hochaktives biologisches System. Es reagiert auf Bewegung, Belastung, ErnĂ€hrung, Stoffwechsel und Muskelarbeit. Wer Arthrose verstehen will, muss deshalb zuerst verstehen, wie ein gesundes Gelenk ĂŒberhaupt funktioniert â und warum Bewegung darin eine zentrale Rolle spielt.
1ïžâŁ Wie funktioniert ein Gelenk wirklich?
Man kann sich ein gesundes Gelenk am besten wie ein perfekt abgestimmtes, lebendiges Kugellager vorstellen. Zwei Knochenenden treffen aufeinander, ihre GelenkflĂ€chen sind mit einer glatten Knorpelschicht ĂŒberzogen. Dieser Knorpel ist elastisch, druckstabil und sorgt dafĂŒr, dass KrĂ€fte gleichmĂ€Ăig verteilt werden. Doch der Knorpel allein erklĂ€rt noch nicht, warum ein Gelenk so reibungslos funktioniert.
Zwischen diesen KnorpelflĂ€chen befindet sich die GelenksflĂŒssigkeit, medizinisch Synovia genannt. Sie ist das eigentliche âĂlâ des Gelenks. Die Synovia erfĂŒllt mehrere entscheidende Aufgaben: Sie reduziert Reibung, versorgt den Knorpel mit NĂ€hrstoffen und vergröĂert bei Bewegung den Abstand zwischen den KnorpelflĂ€chen. Dadurch wird direkter Abrieb deutlich reduziert.
Der Knorpel selbst ist nicht durchblutet. Er erhĂ€lt seine NĂ€hrstoffe ausschlieĂlich ĂŒber die GelenksflĂŒssigkeit. Man kann sich das vorstellen wie einen Schwamm: Wird das Gelenk belastet, wird FlĂŒssigkeit aus dem Knorpel herausgepresst. Entlastet man das Gelenk wieder, saugt sich der Knorpel mit frischer, nĂ€hrstoffreicher Synovia voll. Genau dieser Wechsel aus Be- und Entlastung hĂ€lt den Knorpel gesund (Mow et al., 1999).
Das bedeutet:
Bewegung ist keine Gefahr fĂŒr den Knorpel â sie ist seine Lebensgrundlage.
2ïžâŁ Warum Mobilisation vor Belastung so entscheidend ist
Wird ein Gelenk vor intensiver Belastung nicht ausreichend bewegt, ist die GelenksflĂŒssigkeit zĂ€hflĂŒssiger, schlechter verteilt und der Knorpel schlechter âernĂ€hrtâ. Die KnorpelflĂ€chen liegen dann nĂ€her aneinander, der Gleitfilm ist dĂŒnner â die Reibung steigt.
Mobilisierende Bewegung wirkt wie das AufwĂ€rmen eines Motors. Die Synovia wird flĂŒssiger, verteilt sich gleichmĂ€Ăiger und schafft Raum zwischen den GelenkflĂ€chen. Erst dann ist das Gelenk optimal vorbereitet fĂŒr höhere Belastungen wie Krafttraining, Laufen oder SprĂŒnge (Wilkinson et al., 2020).
Fehlt dieses Warm-up ĂŒber Jahre oder Jahrzehnte, steigt das Risiko fĂŒr mikroskopische KnorpelschĂ€den â nicht plötzlich, sondern schleichend.
3ïžâŁ Mythen rund um Arthrose
Mythos 1: Arthrose ist reiner VerschleiĂ đâïž
Der Begriff âVerschleiĂâ ist eines der gröĂten MissverstĂ€ndnisse rund um Arthrose. Er suggeriert, dass Gelenke zwangslĂ€ufig kaputtgehen, je lĂ€nger man sie benutzt. Doch Studien zeigen genau das Gegenteil: Gelenke, die regelmĂ€Ăig angepasst bewegt werden, bleiben lĂ€nger belastbar und funktionell als Gelenke, die unterfordert oder einseitig belastet werden (Roos & Arden, 2016).
Arthrose entsteht nicht, weil ein Gelenk âzu viel benutztâ wird, sondern weil es ungĂŒnstig, einseitig oder ohne ausreichende muskulĂ€re FĂŒhrung belastet wird. Man kann sich das vorstellen wie einen Autoreifen: Nicht das Fahren an sich zerstört ihn, sondern eine falsche Achsstellung oder dauerhaft einseitiger Druck.
Fehlstellungen im FuĂ, Knie oder der HĂŒfte verĂ€ndern die Druckverteilung im Gelenk. Bereiche, die eigentlich entlastet werden sollten, tragen dauerhaft zu viel Last. Andere Bereiche werden kaum genutzt. Genau diese ungleichmĂ€Ăige Belastung fĂŒhrt zu strukturellen VerĂ€nderungen im Knorpel und im darunterliegenden Knochen (Felson, 2013).
Mythos 2: Arthrose ist eine Alterskrankheit đŽđ”
Alter spielt eine Rolle â aber nicht als Ursache, sondern als VerstĂ€rker. Mit zunehmendem Alter verlangsamen sich Regenerationsprozesse, die Muskulatur nimmt ab, und Bewegung wird oft weniger vielfĂ€ltig. Doch Arthrose tritt auch bei jungen Menschen auf, insbesondere nach Verletzungen, bei Fehlstellungen oder bei jahrelanger einseitiger Belastung.
Ein hĂ€ufig unterschĂ€tzter Faktor ist mangelnde muskulĂ€re StabilitĂ€t. Muskeln wirken wie StoĂdĂ€mpfer und Lenksysteme fĂŒr Gelenke. Sind sie zu schwach, zu mĂŒde oder schlecht koordiniert, wird die Gelenkstruktur stĂ€rker belastet. Besonders problematisch ist dies, wenn Krafttraining oder Sport ohne ausreichende Mobilisation und Vorbereitung durchgefĂŒhrt wird.
Ein kalter, unbeweglicher Muskel kann KrĂ€fte nicht effizient abfangen. Die Last wird dann direkt ins Gelenk weitergeleitet. Ăber Jahre kann dies den Knorpelstoffwechsel negativ beeinflussen und arthrotische Prozesse begĂŒnstigen (Bennell et al., 2015).
Alter allein macht also keine Arthrose.
Bewegungsmuster ĂŒber Jahrzehnte tun es.
Mythos 3: Wenn der Knorpel geschĂ€digt ist, ist alles verloren đđ«Ł
Ein weit verbreiteter Gedanke ist: âDer Knorpel wĂ€chst nicht nach â also bleibt nur Schmerz.â
Es stimmt: Knorpel kann sich nicht vollstÀndig regenerieren wie Haut oder Muskelgewebe. Seine ReparaturfÀhigkeit ist begrenzt. Aber daraus folgt nicht, dass ein geschÀdigtes Gelenk zwangslÀufig schmerzen muss oder operiert werden muss.
Zahlreiche Studien zeigen, dass der Schweregrad der Arthrose im Röntgenbild nicht zuverlÀssig mit dem Schmerz korreliert. Viele Menschen mit deutlichen KnorpelverÀnderungen sind beschwerdefrei, wÀhrend andere mit milden VerÀnderungen starke Schmerzen haben (Bedson & Croft, 2008).
Der entscheidende Faktor ist nicht allein der Knorpelzustand, sondern:
wie gut die Muskulatur das Gelenk fĂŒhrt
wie gleichmĂ€Ăig die Belastung verteilt wird
wie beweglich das Gelenk bleibt
wie niedrig das entzĂŒndliche Grundniveau ist
Ein arthrotisch verĂ€ndertes Gelenk kann durchaus leistungsfĂ€hig, belastbar und schmerzarm sein â wenn Bewegung, Kraft, Koordination und Belastungssteuerung stimmen. Das erfordert aktive Mitarbeit, Geduld und oft eine Umstellung von Bewegungsgewohnheiten. Aber es ist möglich â hĂ€ufig sogar ohne Operation.
4ïžâŁ Arthrose und Arthritis â
Zwei völlig unterschiedliche Prozesse
Arthrose und Arthritis werden oft gleichgesetzt, beschreiben aber grundlegend unterschiedliche Mechanismen. Arthrose ist primĂ€r ein mechanisch-biologischer Umbauprozess, bei dem Struktur, Belastung und Stoffwechsel zusammenspielen. EntzĂŒndung ist meist sekundĂ€r und niedriggradig.
Arthritis hingegen ist eine primĂ€r entzĂŒndliche Erkrankung, hĂ€ufig autoimmun bedingt. Hier greift das Immunsystem das Gelenk aktiv an. Schmerzen, Schwellung und Zerstörung entstehen nicht durch Belastung, sondern durch EntzĂŒndung (Smolen et al., 2016).
Diese Unterscheidung ist essenziell, weil sie die Therapie bestimmt. Bewegung ist bei Arthrose zentraler Bestandteil der Behandlung. Bei Arthritis muss Bewegung oft anders dosiert werden, da EntzĂŒndungsphasen berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen.
đŹ Fazit
Wer Arthrose als reine Abnutzung betrachtet, vermeidet Bewegung â und verschlechtert damit langfristig den Zustand des Gelenks. Wer versteht, dass Arthrose ein anpassungsfĂ€higer Prozess ist, erkennt HandlungsspielrĂ€ume.
Bewegung verbessert die QualitĂ€t der GelenksflĂŒssigkeit, versorgt den Knorpel, reduziert EntzĂŒndungsmediatoren und verbessert die muskulĂ€re FĂŒhrung. Mobilisation ist dabei kein ânice to haveâ, sondern eine biologische Notwendigkeit. Ohne Bewegung hungert der Knorpel.
Man kann sagen:
Bewegung ist Nahrung fĂŒr das Gelenk.
Nicht jede Bewegung â aber die richtige.
đ Ausblick auf Beitrag 2
Im nÀchsten Beitrag gehen wir noch einen Schritt tiefer und klÀren:
warum Arthrose hĂ€ufig in FĂŒĂen, Knien und HĂŒften beginnt
wie Fehlstellungen und Muskelketten Arthrose begĂŒnstigen
welche Stadien Arthrose durchlÀuft
warum frĂŒhe Warnzeichen oft ignoriert werden
Dort wird deutlich, dass Arthrose selten Zufall ist â sondern meist die logische Folge jahrelanger Belastungsmuster.




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