top of page

🩺 Schulterimpingement: Ursachen, Symptome und effektive Therapie

  • 17. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit


1️⃣ Was ist ein Schulterimpingement?


Schulterimpingement

Ein Schulterimpingement bezeichnet die Einengung des Raumes zwischen dem Oberarmkopf und dem Schulterdach. Durch diesen Raum verlaufen wichtige Sehnen und Muskeln, die den Oberarm stabil halten (Rotatorenmanschette), sowie ein kleiner Puffer (Schleimbeutel / Bursa), der das Gleiten der Sehnen erleichtert.


Wenn der Raum eingeengt wird, reiben die Sehnen und der Schleimbeutel am Knochenvorsprung des Schulterdaches (Acromion), was Schmerzen, Entzündungen und langfristig Sehnenschäden verursachen kann.


Nur in etwa 10–15 % der Fälle ist eine knöcherne Form des Schulterdaches (Anatomische Engstelle) die Hauptursache. In 85–90 % der Fälle sind fehlende Muskelkraft, falsche Bewegungsmuster oder Überlastung verantwortlich.


Das heißt:

Anatomie allein ist selten der Grund für ein Impingement; die Art und Weise, wie wir die Schulter nutzen, ist entscheidend.


2️⃣ Warum entsteht ein Schulterimpingement?

Die Ursachen sind meist vielfältig:


  1. Muskelungleichgewicht: 

    Schwache Muskeln rund um die Schulter (z. B. hintere Schulterblattmuskulatur, obere Rückenmuskeln) lassen den Oberarmkopf nach oben wandern.


  2. Fehlbewegungen des Schulterblatts: 

    Kippung nach vorne oder unzureichende Drehung verringert den Raum unter dem Schulterdach.


  3. Überlastung: 

    Wiederholte Bewegungen über Kopf, wie beim Schwimmen, Tennis oder handwerklicher Tätigkeit, belasten Sehnen und Schleimbeutel.


  4. Degenerative Veränderungen: 

    Sehnen werden mit Alterung anfälliger für Mikroverletzungen; Verkalkungen oder Verschleiß können auftreten.


  5. Anatomische Engstellen: 

    Ein hakenförmiges oder flaches Schulterdach kann den Raum theoretisch verengen, ist aber selten alleinige Ursache.


3️⃣Welche Strukturen sind beteiligt?

Die wichtigsten Strukturen sind:


  • Rotatorenmanschette (Sehnen und Muskeln rund um den Oberarmkopf): 

    Hält den Oberarm stabil in der Gelenkpfanne und steuert Bewegung.


  • Schleimbeutel / Bursa unter dem Schulterdach: 

    Verhindert Reibung zwischen Sehnen und Knochen.


  • Knochenvorsprung des Schulterdaches (Acromion): 

    Kann bei ungünstiger Form den Raum einengen.


  • Schulterblatt (Scapula): 

    Dessen Stellung und Bewegung bestimmen die Führung des Oberarms und den Gleitraum.


Wenn eines dieser Elemente gestört ist – z. B. durch schwache Muskeln, Fehlhaltung oder Überlastung – kann der Raum unter dem Schulterdach reduziert werden, was das Impingement begünstigt.


4️⃣ Mechanismen, die zugrunde liegen

Die Entstehung eines Schulterimpingements ist meist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Die Mechanismen lassen sich besser verstehen, wenn wir konkrete Beispiele aus dem Alltag betrachten:


1. Fehlhaltungen und ungünstige Bewegungsmuster


Viele Menschen sitzen oder stehen den ganzen Tag nach vorne gebeugt, arbeiten am Computer, tragen schwere Taschen einseitig oder heben wiederholt Gegenstände über Kopf. Dadurch kippt das Schulterblatt nach vorne, dreht sich unzureichend und der Oberarmkopf verschiebt sich leicht nach oben. Folge: Der Raum unter dem Schulterdach wird kleiner, die Sehnen der Rotatorenmanschette werden gequetscht.


Beispiel Alltag: Eine Friseurin, die jeden Tag ihre Arme über Kopf hält, merkt nach Wochen oder Monaten ein Ziehen und Schmerzen beim Heben. Ein Büroarbeiter, der ständig am Schreibtisch sitzt und nach vorne hängt, bekommt nachts Schmerzen beim Liegen auf der Schulter.


2. Schwache Rotatorenmanschette


Die Rotatorenmanschette (Sehnen und Muskeln rund um den Oberarmkopf) sorgt dafür, dass der Oberarmkopf in der Gelenkpfanne stabil bleibt. Bei Schwäche driftet der Oberarmkopf nach oben, besonders bei Überkopfbewegungen, wodurch die Sehnen gegen das Schulterdach gedrückt werden.


Wie kommt es zur Schwäche?

  • Wenig Bewegung der Schulter im Alltag

  • Einseitige Belastung

  • Fehlende Kräftigung der hinteren Schulter- und Rückenmuskeln


3. Verspannte Brustmuskeln

Verspannte Brustmuskeln ziehen die Schulter nach vorne. Das verstärkt das Kippen des Schulterblatts und die Verschiebung des Oberarmkopfes. Verspannung entsteht oft durch:

  • Viele Stunden am Schreibtisch

  • Handy- oder Tablet-Nutzung

  • einseitige Bewegungen, z. B. beim Handwerken


Die Kombination aus schwacher Rotatorenmanschette und verspannter Brustmuskulatur reduziert den Gleitraum unter dem Schulterdach und begünstigt das Impingement.


4. Überlastung

Wiederholte Bewegungen über Kopf, schweres Heben oder Sportarten wie Schwimmen, Tennis, Volleyball führen zu Mikroverletzungen an Sehnen und Schleimbeutel. Entzündungen entstehen durch kleine Risse oder Reibung, was Schwellungen und Schmerzen verursacht.


5. Entzündung und Schwellung

Wenn Sehnen oder Schleimbeutel entzündet sind, schwellen sie an. Das verringert den Raum unter dem Schulterdach zusätzlich. Typisch sind Ziehen, stechender Schmerz, Nachtschmerz und Kraftverlust..


6. Degeneration / Alterung: 

Sehnen und Gewebe verlieren Elastizität, Verkalkungen und Verschleiß können auftreten.


5️⃣ Symptome & typische Schmerzverläufe

Die Beschwerden sind nicht immer direkt in der Schulter spürbar; oft strahlen sie aus oder verursachen Kraftverlust und Kribbeln:


  • Schmerz beim Heben über Kopf: 

    Putzen, Winken oder Überkopfarbeiten schmerzen.


  • Nachtschmerz: 

    Liegen auf der betroffenen Seite ist oft unmöglich.


  • Schwäche / Kraftverlust: 

    Arm fühlt sich „fahm“ an, Heben oder Halten schwer.


  • Kribbeln / Taubheit: 

    Kann vom Oberarm bis in Unterarm oder Hand ausstrahlen


  • Stechender Schmerz / Ziehen: 

    Meist außen am Oberarm oder vorne/oben an der Schulter.


  • Bewegungseinschränkung: 

    Überkopfbewegungen werden vermieden, Alltag und Sport eingeschränkt.


Bildlich:

Es fühlt sich an, als würde ein „Band oder Kissen“ im Schulterdach eingeklemmt. Der Schmerz wandert manchmal in den Arm, begleitet von Kribbeln oder Schwäche.


Folgen, wenn das Impingement ignoriert wird

  • Chronische Entzündung des Schleimbeutels

  • Teilweise Risse der Rotatorenmanschette → Kraftverlust, Bewegungseinschränkung

  • Einschränkungen im Alltag und Sport

  • Langfristiger Gelenkverschleiß bei anhaltender Fehlbelastung


6️⃣ Warum eine Operation meist keine erste Wahl ist

Mehrere hochwertige Studien zeigen:

Operation bei Impingement (subakromiale Dekompression) liefert nicht bessere Ergebnisse als gezielte konservative Therapie:


  • Eine Analyse von 11 randomisierten Studien (919 Patienten) zeigte keinen signifikanten Unterschied in Schmerz und Funktion nach 3, 6 Monaten und 5–10 Jahren zwischen operativ + Physiotherapie vs. Physiotherapie allein


  • In einer prospektiven Studie (106 Patienten) verbesserte sich Schmerz und Funktion bei beiden Gruppen, aber konservativ behandelte Patienten kehrten schneller in Alltag / Beruf zurück (0,3 Wochen vs. 5,0 Wochen).


  • Insgesamt zeigen Meta-Analysen: 70–80 % der Betroffenen profitieren von konservativer Therapie; Operation ist nur selten nötig.


📚 Quellenbibliothek – Schulterimpingement / Operation vs. konservative Therapie

  1. CSAW trial – „Arthroscopic subacromial decompression for subacromial shoulder pain“ (2018)

    • Multizentrische, randomisierte, placebokontrollierte Studie, 313 Patienten, Follow-up 12 Monate

    • Ergebnis: Keine klinisch relevanten Vorteile der Operation gegenüber Placebo-Arthroskopie

    • PubMed | PMC

  2. FIMPACT trial – „Subacromial decompression versus diagnostic arthroscopy for shoulder impingement“ (2005–2015; Follow-up 5 Jahre, Langzeit bis 10 Jahre)

    • Randomisierte, placebo-chirurgiekontrollierte Studie, 210 Patienten

    • Ergebnis: Keine langfristigen Vorteile der Operation gegenüber Placebo oder Übungstherapie bei Schmerz oder Funktion

    • PubMed | PMC

  3. Cochrane Review – „Surgical treatment for rotator cuff disease / impingement“ (aktuell)

    • Systematische Übersichtsarbeit

    • Ergebnis: Operation liefert nur geringen Vorteil bei Schmerz/Funktion, kein klinisch relevanter Unterschied zu Placebo oder Übungstherapie

    • Cochrane

  4. Paavola et al., 2018 – FIMPACT 5-year follow-up

    • Langzeitvergleich zeigt keine Überlegenheit der Operation; konservative Übungsbehandlung gleichwertig

    • PubMed

  5. Ketola et al., 2009 – 2-year randomized trial of arthroscopic subacromial decompression vs supervised exercises

    • Keine signifikanten Unterschiede in Schmerz oder Funktion; konservative Therapie erfolgreich

    • PubMed


➡️ Fazit: Konservative Therapie ist meist wirksamer und risikoärmer.


7️⃣ Wissenschaftlich fundierte Therapie

  1. Gezielte Physiotherapie & Muskelstärkung

    • Rotatorenmanschette stärken

    • Schulterblattbewegungen trainieren

    • Brust dehnen, Rücken / Rumpf aktivieren


  2. Alltags- und Bewegungsoptimierung

    • Überkopfbewegungen reduzieren bzw. gezielt Technik anpassen

    • Ergonomische Haltung, Rückenmuskulatur bewusst einsetzen


  3. Symptomlindernde Maßnahmen

    • Kälte, entzündungshemmende Medikamente oder temporäre Injektionen

    • Schonung bis Beschwerden abklingen


  4. Geduld & Konsequenz

    • Verbesserungen innerhalb von 4–12 Wochen möglich

    • Rückfälle vermeiden durch dauerhaftes Muskel- und Beweglichkeitstraining


💬 Fazit

  • Anatomische Engstellen sind selten die Hauptursache; fehlende Muskelkraft, Fehlbewegung und Überlastung sind meist entscheidend.

  • Hochwertige Studien belegen: Konservative Therapie ist meist genauso effektiv oder schneller wirksam als Operation.

  • Konsequente Muskelkräftigung, Bewegungsoptimierung und Anpassungen im Alltag sind entscheidend für Heilung und Prävention.


🔜 Ausblick: Nächster Beitrag

Im nächsten Beitrag geht es darum, wie man ein Schulterimpingement vorbeugen kann:

  • Übungen und Bewegungsroutinen zur Stabilisierung

  • Rolle von Ernährung und Regeneration

  • Einfluss von Psyche & Stress auf Heilung und Muskelspannung

  • Alltagstipps für Büro, Freizeit und Sport

  • Strategien, um langfristig gesund zu bleiben und Rückfälle zu vermeiden

Kommentare


bottom of page