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Tennisarm & Golfarm – Ursachen verstehen

  • 31. Dez. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Warum diese Beschwerden meist im Alltag entstehen und nicht auf dem Sportplatz



Tennisarm Ursachen

Viele Menschen sind überrascht, wenn sie die Diagnose „Tennisarm“ oder „Golfarm“ erhalten – obwohl sie nie einen Tennisschläger oder Golfschläger in der Hand hatten. Genau hier beginnt eines der größten Missverständnisse. Der Begriff beschreibt nicht die Ursache, sondern lediglich die typische Schmerzregion am Ellenbogen.


Große epidemiologische Studien zeigen, dass nur etwa 5–10 % aller Tennisarm-Fälle tatsächlich bei Tennisspielern auftreten (Coombes et al., The Lancet). Der überwiegende Teil entsteht bei Menschen, die im Alltag wiederholte, einseitige oder statische Hand- und Unterarmbewegungen ausführen: Büroarbeit, Handwerk, Pflegeberufe, Verkauf, Gastronomie, Eltern mit viel Tragetätigkeit.


Der Körper unterscheidet nicht zwischen „Sport“ und „Alltag“. Für Sehnen zählt ausschließlich, wie oft, wie gleichförmig und wie gut angepasst eine Belastung ist. Genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Ursachen.


1️⃣ Was im Gewebe wirklich passiert – Tendinose statt Entzündung 🔬


Lange Zeit wurde der Tennisarm als Entzündung verstanden. Heute wissen wir: In den meisten Fällen liegt keine klassische Entzündung, sondern eine Tendinose vor – also eine degenerative Anpassungsstörung des Sehnengewebes (Khan et al., British Journal of Sports Medicine).


Sehnen sind lebende Strukturen. Sie bestehen aus Kollagenfasern, die sich kontinuierlich an Belastung anpassen. Erfolgt Belastung dosiert und variabel, wird die Sehne stärker. Erfolgt sie jedoch monoton, häufig und ohne ausreichende Regeneration, kommt es zu mikroskopischen Veränderungen: Die Kollagenstruktur wird ungeordnet, die Durchblutung nimmt ab, der Stoffwechsel verlangsamt sich.


Ein einfaches Bild:

Die Sehne ist wie ein gut organisierter Kabelstrang. Bei gesunder Belastung liegen die Fasern parallel und belastbar. Bei Überforderung „verfilzen“ diese Fasern. Die Sehne wird nicht sofort kaputt – aber sie verliert ihre Belastbarkeit und reagiert empfindlicher.


Wenn diese Kabel nicht mehr sauber parallel verlaufen, sondern ungeordnet im Schrank liegen, entsteht ein weiteres Problem: Wärmeentwicklung. Die einzelnen Kabel liegen aufeinander, das Magnetfeld und Elektroleitfähigkeit verändert sich. Genau dadurch entsteht schneller Wärme – und Wärme ist ein Zeichen dafür, dass Energie nicht effizient weitergeleitet wird.


Übertragen auf die Sehne bedeutet das: Die ungeordneten Kollagenfasern können Kräfte nicht mehr gleichmäßig verteilen. Bestimmte Bereiche werden stärker belastet als andere, reagieren empfindlicher und ermüden schneller. Die Sehne wird dadurch nicht nur weniger belastbar, sondern auch reaktionsfreudiger – sie „meldet sich“ früher mit Schmerz.


Gleichzeitig reagiert das Nervensystem sensibler auf diese veränderten Signale. Wie bei einem Kabel, das bei kleinster Bewegung Funken schlägt, reicht plötzlich eine eigentlich harmlose Belastung aus, um Schmerz auszulösen.


Genau das ist der Moment, in dem Schmerzen entstehen. Nicht, weil etwas „gerissen“ ist, sondern weil das Gewebe seine Anpassungsfähigkeit verloren hat.


2️⃣ Warum Wiederholung gefährlicher ist als hohe Belastung 🔁⚠️


Ein entscheidender Faktor bei den Tennisarm-Ursachen ist nicht die Höhe der Kraft, sondern ihre Wiederholung. Studien zeigen, dass Sehnen besonders dann Schaden nehmen, wenn submaximale Belastungen tausendfach wiederholt werden, ohne dass ausreichend Variation oder Erholung stattfindet (Magnusson et al.).


Das erklärt, warum jemand beim Umzug schwere Möbel tragen kann – und dennoch Monate später Tennisarm bekommt, obwohl er „nur“ täglich schreibt, klickt oder schraubt.


Ein typisches Alltagsbeispiel:

Eine Person arbeitet stundenlang am Computer, hält die Maus ständig in leichter Spannung, greift den Stift beim Schreiben zu fest oder benutzt Werkzeuge mit dauerhaftem Druck.


Jede einzelne Bewegung ist harmlos. In der Summe jedoch entsteht eine permanente Mikrobelastung, die das Sehnengewebe nicht mehr vollständig regenerieren kann.

Der Körper meldet sich nicht sofort. Sehnen reagieren langsam. Schmerzen treten oft erst Wochen oder Monate später auf – scheinbar „aus dem Nichts“.


3️⃣ Die Rolle des Nervensystems – warum Schmerz nicht gleich Schaden ist 🧠⚡


Ein weiterer zentraler Baustein der Tennisarm-Ursachen ist das Nervensystem. Sehnen besitzen vergleichsweise wenige Schmerzrezeptoren. Der Schmerz entsteht nicht im Gewebe selbst, sondern durch die Bewertung dieser Reize im Nervensystem (Butler & Moseley, Explain Pain).


Wenn eine Sehne über längere Zeit unter Stress steht, sendet sie vermehrt Warnsignale. Das Nervensystem lernt: „Diese Bewegung ist potenziell gefährlich.“ Die Schmerzschwelle sinkt. Bewegungen, die früher problemlos waren, fühlen sich plötzlich schmerzhaft an.


Wichtig dabei:

Der Schmerz ist real, aber er bedeutet nicht automatisch strukturellen Schaden. Er ist ein Schutzsignal – vergleichbar mit einer Alarmanlage, die zu sensibel eingestellt ist.


Das erklärt auch, warum Schonung allein selten hilft. Wird die Bewegung vollständig vermieden, bekommt das Nervensystem keine neuen, sicheren Informationen. Die Alarmbereitschaft bleibt hoch.


4️⃣ Warum Stress, Schlaf und Alltag eine so große Rolle spielen 😴🧠


Moderne Forschung zeigt deutlich, dass psychosoziale Faktoren die Heilung von Sehnen massiv beeinflussen. Chronischer Stress erhöht den Muskeltonus, verschlechtert die Durchblutung und verändert die Schmerzverarbeitung (Sterling et al.).


Wer dauerhaft unter Zeitdruck steht, wenig schläft oder mental angespannt ist, spannt unbewusst Hände, Unterarme und Schultern stärker an. Diese Grundspannung verstärkt die mechanische Belastung der Sehne – selbst ohne zusätzliche Bewegung.


Deshalb treten Tennisarm-Beschwerden häufig in Lebensphasen auf, in denen eigentlich „gar nichts Besonderes“ passiert ist – außer, dass alles ein bisschen zu viel war.


5️⃣Wie sich ein Tennisarm oder Golfarm entwickelt – Phasen & Zeitverlauf ⏳


Ein Tennisarm oder Golfarm entsteht nicht plötzlich. In den meisten Fällen verläuft die Entwicklung schleichend über Wochen oder Monate. Dabei lassen sich typische Phasen beobachten, die ineinander übergehen können.


Phase 1: Akute muskuläre Überlastung

Zeitraum: etwa 1–10 Tage, maximal bis ca. 2 Wochen


Am Anfang steht häufig eine ungewohnte oder längere Belastung, zum Beispiel intensives Schrauben, längeres Schreiben mit starkem Griffdruck oder Gartenarbeit. Die Muskulatur im Unterarm reagiert mit erhöhter Spannung, manchmal mit Druckgefühl oder leichter Ermüdung.In dieser Phase handelt es sich noch nicht um einen Tennis- oder Golfarm, sondern um eine reversible muskuläre Reaktion. Nach Ruhe oder kurzer Entlastung verschwinden die Beschwerden meist vollständig.


👉 Wichtig: In dieser Phase liegt keine Tendinose vor.


Phase 2: Wiederholte Überforderung ohne vollständige Erholung

Zeitraum: ungefähr 2–6 Wochen


Bleibt die Belastung bestehen, ohne dass sich die Strukturen anpassen können, wird aus der einmaligen Verspannung ein wiederkehrendes Problem. Die Sehnenansätze am Ellenbogen werden zunehmend stärker beansprucht.Schmerzen treten nun häufiger auf, oft bei bestimmten Bewegungen wie Greifen, Drehen oder Halten. Nachts oder in Ruhe sind die Beschwerden meist noch gering oder gar nicht vorhanden.


👉 Hier beginnt der Übergang von einer reinen Muskelreaktion zu einer strukturellen Überlastung der Sehne.


Phase 3: Frühphase der Tendinose

Zeitraum: etwa 6 Wochen bis 3–4 Monate


In dieser Phase beginnen die beschriebenen Veränderungen im Sehnengewebe. Die Kollagenfasern verlieren ihre geordnete Struktur, die Belastbarkeit nimmt ab.Typisch ist, dass Schmerzen nun nicht mehr nur während der Belastung, sondern auch danach auftreten. Viele Betroffene berichten von morgendlicher Steifheit oder einem ziehenden Schmerz beim ersten Zugreifen.


👉 Jetzt spricht man medizinisch von einer Tendinopathie / Tendinose, nicht mehr von einer einfachen Überlastung.


Phase 4: Etablierter Tennisarm oder Golfarm

Zeitraum: meist ab ca. 3–4 Monaten, häufig 6–12 Monate, in Einzelfällen länger


Jetzt ist die Tendinose deutlich ausgeprägt. Schon alltägliche Bewegungen wie eine Tasse anheben, eine Türklinke drücken oder das Tippen auf der Tastatur können schmerzhaft sein.In dieser Phase ist der Schmerz oft unabhängig von der eigentlichen Belastung vorhanden. Das Nervensystem ist sensibel geworden, die Sehne reagiert überproportional auf Reize.


👉 In dieser Phase ist der Schmerz nicht mehr nur ein Gewebeproblem, sondern auch ein Problem der Reizverarbeitung im Nervensystem.


Übersicht: Zeitlicher Verlauf bis zum Tennisarm / Golfarm

Phase

Was passiert im Körper

Typischer Zeitraum

Akute Verspannung

Muskuläre Ermüdung, erhöhte Spannung

1–10 Tage (max. ~2 Wochen)

Wiederholte Überlastung

Sehnenansatz wird häufiger gereizt

2–6 Wochen

Früh-Tendinose

Strukturveränderung der Sehne beginnt

6 Wochen – 3-4 Monate

Chronischer Tennis-/Golfarm

Gewebe + Nervensystem verändert

ab ~3-4 Monaten, oft 6–12 Monate

👉 Wichtig: Nicht jeder Mensch durchläuft alle Phasen vollständig. Wie schnell oder ob es zu einem Tennisarm kommt, hängt stark von Belastungssteuerung, Regeneration, Stressniveau und Bewegungskompetenz ab. Entscheidend ist dabei nicht nur die Dauer der Beschwerden, sondern auch, wie lange belastet wurde, ohne dass sich das Gewebe erholen oder anpassen konnte.


Genau diese zeitliche Entwicklung ist entscheidend für die Therapie. Denn je nachdem, in welcher Phase sich der Tennisarm oder Golfarm befindet, unterscheiden sich Regenerationsdauer, Therapieansatz und Belastungsaufbau deutlich. Im nächsten Beitrag schauen wir deshalb genau darauf, wie der Heilungsprozess aussieht, welche Zeiträume realistisch sind und warum gezielte Bewegung, Physiotherapie und Ernährung den Unterschied machen können.


💬 Fazit: Tennisarm Ursachen liegen im Zusammenspiel, nicht in einer einzelnen Bewegung 🌱


Tennisarm und Golfarm entstehen selten durch einen einzigen Auslöser. Sie sind das Ergebnis aus wiederholter Belastung, mangelnder Anpassung, nervaler Sensibilisierung und Alltagsstress. Sport ist dabei nur ein kleiner Teil – oft nicht einmal der entscheidende.


Wer die Ursachen versteht, verliert Angst. Und genau dieses Verständnis ist die Grundlage für gezielte, wirksame Therapie.


🔜 Ausblick auf Beitrag 3

Im nächsten Beitrag geht es nicht mehr um das „Warum“, sondern um das Wie:

Wie Tennisarm und Golfarm behandelt werden können, warum Physiotherapie so wirksam ist, welche Rolle gezielte Bewegung, Belastungssteuerung, Nervensystem-Training und Ernährung spielen – und in welchen Fällen medizinische Maßnahmen sinnvoll sind.

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